Flucht aus Mossul - Iraker warten bei brütender Hitze auf Heimkehr

Bagdad (APA/dpa) - Der Vormarsch der ISIS-Terroristen im Irak und die Gegenangriffe der Regierung haben mehr als eine Million Menschen obdac...

Bagdad (APA/dpa) - Der Vormarsch der ISIS-Terroristen im Irak und die Gegenangriffe der Regierung haben mehr als eine Million Menschen obdachlos gemacht. Rund 2000 Familien sind in einem Zeltlager nahe Erbil untergebracht. Bei brütender Hitze warten sie auf ihre erhoffte Heimkehr.

Die Sonne scheint grell, es ist staubig und wahnsinnig heiß. Auf einem Feld an der Landstraße nahe der kurdischen Boom-Metropole Erbil stehen seit knapp drei Wochen blaue und weiße Zelte. Hier werden die Menschen untergebracht, die aus ihren Städten und Dörfern in die Autonomieregion Kurdistan im Nordirak geflüchtet sind. Viele kommen aus der Millionenstadt Mossul, die von Jihadisten besetzt ist.

Zwei Gründe nennen alle für ihre Flucht: „ISIS und Nuri al-Maliki“, Angriffe der islamistischen Terrormiliz also - und Gegenangriffe der irakischen Luftwaffe auf Befehl des Ministerpräsidenten. 2000 Familien sind an diesem unwirtlichen Ort untergebracht - allein in den vergangenen zwei Tagen kamen 200.

Eine Frau im dunklen Kleid und weißem Kopftuch läuft schimpfend aus der Betonhütte, in der kurdische Polizisten Wasserflaschen verteilen. „Sie tun nichts für uns“, ruft sie wütend. Die große Hitze macht den Menschen zu schaffen, dazu der Strom- und Wassermangel. Nur ein Teil der Zelte ist klimatisiert - dort haben die Flüchtlinge ihre Kinder untergebracht und auch Lernrunden organisiert.

Einige Flüchtlinge haben es geschafft, einen Gaskocher mitzubringen. Manche haben Hühner dabei. Die erwachsenen Männer haben nasse Handtücher um ihre Köpfe gewickelt, um bei 45 Grad Celsius keinen Hitzschlag zu bekommen. „Es ist Ramadan, aber wir fasten nicht. Es ist viel zu heiß, um ohne Wasser auszukommen“, sagt Muajad. Der Arbeiter aus Mossul hat noch Angehörige in der Stadt. Denen geht es noch schlechter, wie er sagt. „Sie verlassen aus Angst vor Isis ihre Häuser nicht und machen die Tür nicht auf.“ Von Strom und Wasser seien auch sie abgeschnitten.

Muajad hatte beschlossen zu fliehen, als „vermummte und bewaffnete Leute in schwarzer Kleidung“ die Stadt eroberten. „Sie trugen Waffen bei sich, die wir noch nie gesehen haben. Manche redeten Arabisch mit irakischem Akzent, andere aber auch in Sprachen, die ich nicht verstand.“ Als sunnitischer Muslim hätte er sich auch auf die Seite der Islamisten schlagen können. „Ich wollte nicht im Namen Allahs töten. Ich kann noch nicht einmal ein Schaf töten“, sagt Muajad.

Susann und Ijad sind mit ihren drei kleinen Kindern in einem weißen Zelt ohne Klimaanlage untergebracht. Sie gehören der Glaubensgemeinschaft der Schabak an, die von ISIS-Extremisten als Ungläubige verfolgt werden. Sie wären schon glücklich mit etwas Eis, Strom, Essen und Gas. Für den Elektriker und seine Frau ist es bereits die zweite Flucht. Die erste war 2003, als die USA gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein Krieg führte, und dauerte eineinhalb Jahre. „Wir leben in keiner angenehmen Gegend“, sagt Susann resigniert. „Ich gebe niemandem die Schuld, aber immer bringen die Armen die Opfer.“

Unter Saddam Hussein saß Ijad über ein Jahr im Gefängnis, weil er den Armeedienst hingeschmissen hatte. Er wurde mit Kabeln geschlagen, seine Rippen brachen. Bei der Regierung des Schiiten Nuri al-Maliki habe er deswegen eine kleine Rente beantragt, ohne Erfolg. „Von dieser Regierung in Bagdad haben wir nie etwas bekommen“, sagt er.

Trotz der schwierigen Bedingungen im Flüchtlingscamp denkt derzeit niemand ernsthaft an eine Rückkehr nach Mossul. Sie wollen die Heimat aber auch nicht ganz verlassen. Susann erinnert sich: „Als wir nach der letzten Flucht zurückkamen, baten die, die uns zuvor bekämpft haben, um Hilfe. Wir gaben ihnen Essen und Wasser.“