Glänzender „Zerrissener“ mit Startproblemen im Schloss Kobersdorf

Kobersdorf (APA) - Der Himmel wolkenfrei, glänzend die Sterne und die Inszenierung von Christine Wipplinger: Nestroys „Der Zerrissene“ feier...

Kobersdorf (APA) - Der Himmel wolkenfrei, glänzend die Sterne und die Inszenierung von Christine Wipplinger: Nestroys „Der Zerrissene“ feierte am Dienstag bei den Schlossspielen Kobersdorf Premiere und zeigte sich, wenn auch mit Startproblemen, von seiner schönsten und modernsten Seite. Das wunderbare Ensemble war Garant für einen herrlich illustren Abend mit einem höchst aktuellen Stück über Geld und Gier.

Das liebe Geld macht dem „Zerrissenen“ Herrn von Lips zu Schaffen. Er hat zu viel davon - genau so wie zu viele falsche Freunde, wie er, wenn‘s ums Erben geht, schockiert feststellen muss. Die einzig treue und ehrliche Seele Kathi, die sich selbst gern wilder hätte und sich nach Süchten sehnt, beachtet er zunächst nicht, da er sich aus Langeweile und aus Lust auf Abenteuer lieber der Madame Schleyer als künftige Braut widmet. Die ist jedoch kein unbeschriebenes Blatt, hat bereits dem Gluthammer den Kopf verdreht und ihn kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen.

Als die beiden um die durchtriebene Madame kämpfen, stürzen sie sich in den vermeintlichen Tod. Beide überleben, glauben jedoch, den jeweils anderen getötet zu haben und nun gesucht zu werden. Während sich Herr von Lips der Arbeit und dem Landleben am von Krautkopf betriebenen eigenen Gut widmet, sucht Gluthammer bei eben diesem Unterschlupf. Es kommt wie‘s kommen muss: Alles löst sich zum Guten. Die geldgierigen Freunde werden enterbt, der Gluthammer bekommt eine ordentliche Aussteuer, spart sich aber das Gfrett mit der Frau und Herr von Lips stellt mit Blick auf Kathi fest: „Ich war ein Zerrissener. Eine ganze Hälfte hat mir gefehlt. Jetzt hab ich‘s gefunden - wenn auch etwas spät.“

In Wipplingers Inszenierung im von Erich Uiberlacker sympathisch karg gehaltenen Bühnenbild glänzte nicht nur die Spiegelpyramide in von Lips Anwesen, es glänzten vor allem die Schauspieler: Fritz Hammel mimt einen genialen „Zerrissenen“, Intendant Wolfgang Böck erinnert als Gluthammer phasenweise an Hans Moser, brilliert gemeinsam mit Krautkopf Wolf Bachofner nicht nur als Komödiant der alten Schule sondern auch als Sänger mit einem ehrlichen, lustigen und herzerwärmenden Duett über Freunde.

Die junge Sarah Jeanne Babits legt das schüchterne Mäuschen Kathi sehr charmant an. Besonders lustig: Thomas Groß als Bedienter des Herrn von Lips, der mit wenig Bühnenpräsenz, knappen Sätzen und kaum Bewegung dennoch irrwitzig hervorsticht.

Trotz der wunderbaren Besetzung brauchte es anfangs seine Zeit bis das Stück in Fahrt kommt. Das Schloss und die Arkaden wurden heuer besonders stark eingebunden. Bei den Kostümen lehnte sich Gerti Rindler-Schantl weit aus dem Fenster: Von Charleston-Kleidern über Cowboy-Hüten bis hin zu College-Turnschuhen und Schottenröcken war wirklich alles dabei. Trotz des textilen Kuddelmuddels wirkte aber alles äußerst harmonisch. Die Musik (Andreas Radovan und Klaus Lintschinger) ergänzt das moderne Stück an den richtigen Stellen, verleiht dem ganzen noch mehr Charme und Unterhaltungswert.

Die Schlossspiele Kobersdorf laden mit der heurigen Produktion wie auch in den Jahren zuvor zu klassischem Sommertheater, das an den kommenden Terminen hoffentlich unter genau den selben Bedingungen bewundert werden kann, wie am Premierenabend: Unter Sternenhimmel, mit recht annehmbaren Temperaturen und einem Ensemble, dem man die Freude am Spiel ohne Wenn und Aber abnimmt.

(S E R V I C E - „Der Zerrissene“ von Johann N. Nestroy, Schlossspiele Kobersdorf, bis 27. Juli 2014, http://www.schlossspiele.com/)

(AVISO - Bilder der Fotoprobe vom 30. Juni sind im AOM abrufbar.)