Türkei-Wahl - Gläubiger Muslim Ihsanoglu Galionsfigur der Opposition

Istanbul (APA) - Die türkischen Oppositionsparteien, die ultrarechte MHP und die säkulare CHP, haben einen demokratisch gesinnten, konservat...

Istanbul (APA) - Die türkischen Oppositionsparteien, die ultrarechte MHP und die säkulare CHP, haben einen demokratisch gesinnten, konservativen Muslim als gemeinsamen Kandidaten aufgestellt. Ekmeleddin Ihsanoglu soll dem islamistischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan den Weg ins Präsidentenamt versperren.

In der Türkei führte Ihsanoglus erster Weg als offizieller Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten den 1943 in Kairo als Sohn türkischer Eltern Geborenen zum Mausoleum des Republiksgründers Mustafa Kemal Atatürk. Der Vater Ihsanoglus, Mehmet Ihsan, ging 1924 in die Diaspora nach Kairo - nach dem Umsturz der Kemalisten und der Ausrufung der türkischen Republik ein Jahr zuvor durch Gazi Mustafa Kemal, dem späteren Vater der Türken (Atatürk). Ihsan soll seine schlimmsten Tage erlebt haben, als auch in Ägypten 1952 unter Gamal Abdel Nasser die Republik ausgerufen wurde.

Sein Sohn Ihsanoglu, ein Gelehrter und Diplomat, der fünf Sprachen spricht, tritt jetzt an, um das höchste Amt der türkischen Republik für sich zu gewinnen. In seiner ersten offiziellen Stellungnahme bei einem anschließenden Besuch in der Heimatstadt seines Vaters, Yozgat, versprach Ihsanoglu eine Abkehr von einer Politik, die der Türkei primär Feindschaften mit den Nachbarn eingetragen habe. Er prognostizierte, dass das türkische Wahlvolk beim Wahlgang am 10. August „auf der Seite des Friedens“ stehen werde.

Der 70-Jährige gilt als Konservativer. Er ist ein tiefgläubiger Muslim mit säkularer Denkausrichtung. Ihsanoglus Überzeugung, die Religion aus der Politik herauszuhalten, konnte aber nicht alle skeptischen Stimmen im Lager der CHP überzeugen. Während sich die ultranationalistische MHP geschlossen hinter den Kandidaten stellte, weigerten sich 21 CHP-Abgeordnete, seine Kandidatur zu unterstützen.

Dennoch gilt Ihsanoglu als „Coup“ der Opposition, der viele überraschte. Als gemeinsamer Präsidentschaftskandidat der zwei größten türkischen Oppositionsparteien CHP und MHP könnte er, trotz relativ geringem Bekanntheitsgrad, aufgrund seiner untadeligen Biografie für die konservativ-religiösen Wählerschichten der AKP eine Alternative darstellen.

Ihsanoglu war von 2005 bis Dezember 2013 Generalsekretär der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC). Die Organisation ist ein weltweiter Zusammenschluss von insgesamt 57 islamischen Ländern mit Sitz in Saudi-Arabien. Die Zielsetzung ist eigenen Angaben zufolge „die lebenswichtigen Interessen der Muslime zu schützen“.

In seiner Amtszeit als OIC-Vorsitzender hat sich Ihsanoglu immer wieder für den Dialog der Kulturen und Religionen eingesetzt und warb für ein besseres Verständnis der islamischen Welt. Im Kampf gegen Ressentiments gegen Muslime forderte er die EU zu größeren Bemühungen in den Mitgliedsstaaten auf.

Vor dem Hintergrund eines zerfallenden Iraks, der Bedrohung durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (ISIS/ISIL) und dem Bürgerkrieg in Syrien lässt eine Aussage, die er im Zuge seiner früheren Funktion tätigte, aufhorchen: „Wir in der OIC stellen bei jeder Gelegenheit klar, dass diejenigen, die andere Menschen im Namen des Islam töten oder terrorisieren, nicht den Islam repräsentieren und auch nichts mit dem Islam zu tun haben“. Immerhin drohen die destabilisierten Nachbarländer und die Faktoren, die dazu geführt haben, die Türkei in ihren Sog zu ziehen.

In einem Gespräch mit der APA während seiner Amtszeit als OIC-Generalsekretär erklärte Ihsanoglu mit Verweis auf die dänischen Mohammed-Karikaturen, dass Freiheit sowohl für Karikaturisten als auch für Burkaträgerinnen gelten müsse. Er machte aber deutlich, dass die Burka, die Vollverschleierung „keine islamische Sache, sondern Teil der Tradition mancher Gruppen sei, teilweise aus präislamischen Zeiten“.

Während einer hochkarätig besetzten internationalen Islamkonferenz in Wien strich er klar heraus, dass der „Islam mit Demokratie vereinbar“ sei. Die Respektierung der Vielfalt stelle von Beginn an ein wesentliches Element des Islams dar.

Ihsanoglus Aussagen stehen im Gegensatz zur Meinung des religiösen Beraters von Regierungschef Erdogan. Der islamische Theologe Hayrettin Karaman hatte im Mai in einem Kolumnenbeitrag für die regierungstreue Zeitung „Yeni Safak“ erklärt, Säkularismus und Pluralismus seien mit dem Islam unvereinbar. Für Islamisten sei eine pluralistische Demokratie - wie sie etwa die EU-Länder in ihren Satzungen vorsehen - nicht kompatibel, kritisierte ein Journalist der englischsprachigen „Hürriyet“, Semih Idiz, das Kommentar.

Ihsanoglus Gegenspieler Erdogan hatte als Istanbuler Oberbürgermeister verlautbart, die Türkei wolle nicht Mitglied im „Christenclub Europa“ sein. Islam und Laizismus seien nicht vereinbar. Unter seiner Regierung hat die Türkei den offiziellen Beitrittsstatus erhalten.

Der AKP-Regierungschef hat am gestrigen Dienstag offiziell seine Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten bekanntgegeben. Ihsanoglu gilt für den Premier als ernst zunehmender Konkurrent im Rennen um das höchste Amt im Staat. Erste Umfragen bescheinigen Erdogan aber bisher eine klare Stimmenmehrheit.

CHP-Parteichef Kemal Kilicdaroglu rief gestern seine Landsleute zur Stimmabgabe an den Urnen Mitte August auf. Wenn beide Parteien ihre Wähler mobilisierten, werde ihr Kandidat den Sieg davontragen, zeigte sich Kilicdaroglu überzeugt.