Film und TV

Die Flucht vor dem Ernst des Lebens in die Pubertät

In Anthony Marcianos Kinodebüt „Große Jungs“ versucht sich Frankreichs Kino-Ikone Sandrine Kiberlain als überdrehte Mutter.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Frankreich ist das einzige Filmland Europas, das regelmäßig mit nationalen Erzeugnissen die Importe aus Hollywood an den Kinokassen überflügeln kann. Diese Filme verdanken ihren Erfolg entweder gallischem Stolz („Asterix“), galligem Humor („Willkommen bei den Sch’tis“) oder schlicht den Stars, denen sonst nirgendwo in ähnlicher Weise gehuldigt wird. Dabei gehen die Franzosen rein statistisch nicht öfter ins Kino als der Rest der Welt – etwa dreimal pro Jahr –, aber in jedem zweiten Film sollte französisch gesprochen werden. In der Summe kommen pro Jahr 200 Millionen Kinobesuche zusammen und da von jeder verkauften Kinokarte eine elfprozentige Steuer, die „Taxe spéciale additionnelle“, an die staatliche Filmförderung abgeführt werden muss, lässt sich damit eine stolze Filmindustrie finanzieren, die für den Vertrieb ihrer Produkte zusätzlich auf europäische Förderungen zugreifen kann.

Zumindest in diesem Juli entsteht mit einem Dutzend Neustarts französischer Filme in den Innsbrucker Kinos der Eindruck, die Maßnahmen zur weltweiten Durchsetzung der Frankophonie hätten eine neue Ebene erreicht. In Philippe de Chauverons bereits von zehn Millionen Franzosen besuchter Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter” spielt Christian Clavier einen Bürger, der es nicht ertragen kann, dass seine Töchter der Reihe nach einen Araber, einen Juden, einen Chinesen und einen Afrikaner heiraten. In Frédéric Berthes „Eine ganz ruhige Kugel” lehrt Gérard Depardieu einem Algerier das Boule-Spiel und wechselt wie im richtigen Leben seine Staatsbürgerschaft.

Gleich in drei Filmen ist derzeit Sandrine Kiberlain zu bewundern. Sie ist in Alain Resnais’ „Lieben, trinken und singen“ die emotional verunsicherte Monica und die kämpferische Schriftstellerin Simone de Beauvoir in Martin Provosts „Violette“. In Anthony Marcianos Spielfilmdebüt „Große Jungs“ versucht sich die Ikone des französischen Kunstkinos erstmals in einer schrillen Komödie. Als Suzanne spielt sie die Mutter der Dolmetscherin Lola (Mélanie Bernier), die ihren Verlobten Thomas (Max Boublil), einen erfolglosen Musiker, in einen ernsthaften Menschen verwandeln möchte. Dagegen wehrt sich vor allem Lolas Vater Gilbert (Alain Chabat), der die Millionen aus dem Verkauf seiner Firma plötzlich nicht mehr an Suzannes afrikanische Hilfsprojekte stiften, sondern bei luxuriösen Ausbruchsversuchen verjubeln möchte. Auf die pubertäre Komplizenschaft von Thomas und Gilbert reagiert Lola mit einer Kurskorrektur in ihrer Lebensplanung, doch ihr neuer Freund Claude (François Dunoyer) entpuppt sich als Liebhaber älterer Damen. In der Schlüsselszene zieht er sich in die Toilette zurück, wo er auf dem Spülkasten eine Porträtaufnahme Suzannes entdeckt. Er nutzt die Fotografie zur Selbstbefriedigung und erleichtert sich auf den sich hinter dem Duschvorhang versteckenden Thomas, der gleichermaßen beschmutzt wie entrüstet das Badezimmer verlässt, um sich über Claude zu beschweren. Auch Suzanne, Sandrine Kiberlain, hat die Figur längst in eine Karikatur verwandelt, zeigt sich entrüstet. „Er hat sich auf mir einen runtergeholt?”, erkundigt sie sich geschmeichelt. Zuletzt bringt der Rockstar Iggy Pop, der seine Zelte in Paris aufgeschlagen hat, die Wende zum Happy End. Das französische Kino ist bei der Hollywood-Komödie angekommen.