Kunst

Kunst für die Hosentasche

Besucher der Stan-Douglas-Ausstellung in München können sich ein Kunstwerk dank Art App mitnehmen. Der Museumsbesuch kann aber auch gleich ganz ausgelassen werden.

Von Silvana Resch

Innsbruck –In der Erlebnisgesellschaft wird auch Kunst zum Ereignis, das neuerdings in jeder Handtasche Platz hat. Zu behaupten, die immersive Kraft der Art App „Circa 1948“ entfalte ihre volle Wirkung am kleinen Bildschirm des iPhones, wäre aber wohl übertrieben. Immersion, das Eintauchen in fremde Welten, ist ein Schlüsselbegriff der Bildwissenschaften. Und zählt neben dem vielstrapazierten Wort „Interaktiv“ zu den Neue-Medien-Heilsversprechungen.

Der kanadische Künstler Stan Douglas, bekannt für filmische Installationen, Fotografien und Videoarbeiten, hat sich einem der – laut Zeit – „allerjüngsten Kunstgenres“ zugewandt: Der Art App.

Ein Genre, das etwa auch von den Netzkunstpionieren Jodi ausgelotet wird. Simulierte das Duo in den 90er Jahren noch Fehler und PC-Abstürze in seinen Netzkunstwerken, stellt Jodi nun dem gewillten User eine Anleitung für eine Performance als iPhone-App zur Verfügung.

„Circa 1948“ ist eine Film-Noir-artige, mysteriöse Mordgeschichte, die der Künstler im Vancouver der Nachkriegszeit angesiedelt hat. Vorarbeit zu dieser App lieferte gewissermaßen die Fotoserie „Midcentury Studio“, die in der Stan-Douglas-Schau („Mise-en-Scène“, bis 12. Oktober) im Müncher Haus der Kunst zu sehen ist. Diese vermeintlichen „Archivbilder“ aus den 40er und 50er Jahren sind vom Künstler ebenso sorgsam und aufwändig inszeniert, wie die Biografie des Fotografen frei ersonnen ist. Douglas schlüpfte dafür in die Rolle eines Kriegsheimkehrers, der sich als Fotoreporter verdingt und mit mehr oder weniger gelungenen Bildern die Ereignisse seiner Heimatstadt abdeckt: Die Motive reichen von Verbrechen über Sport bis hin zur High Society.

Mit der App „Circa 1948“ liefert Douglas eine ebenso komplexe Fiktion, diesmal kann der Nutzer jedoch selbst gewissermaßen zum Mitautor des Kunstwerks werden. Wie in einem Videogame finden Interessierte ihre eigenen Wege durch computergenerierte Hinterhöfe, schäbige Spielhöllen, Bierhallen sowie ein historisches Hotel und können dabei Konversationen aus vergangenen Tagen belauschen.

Diese akustische und visuelle Reise durch das imaginierte Nachkriegsvancouver „ist kein Game“, wie der Künstler in einem Interview betonte. Vielmehr handle es sich um „ein Narrativ“, eine verzwickt-verwobene Geschichte ohne Anfang und Ende, ohne Aufgabe oder Ziel für den Nutzer. Der Reiz liegt in dem immersiven Versprechen, mittendrin zu sein.

Einer der Schauplätze von „Circa 1948“ ist auch als großformatige 3D-Rekonstruktion namens „Hogan’s Alley“ zu sehen. Das dargestellte, von verschiedenen Ethnien bewohnte Viertel Vancouvers fiel 1972 einer Stadterneuerung zum Opfer.

Während leider nur ein Hinweis im Ausstellungskatalog auf die App verweist, wurde zeitgleich zur Eröffnung der Schau Ende Juni die Theaterproduktion „Helen Lawrence“ in den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Douglas verbindet in dem Stück, in dem die Schauspieler auch als Kameraleute fungieren, Film und Theater mit computergenerierten Bildern.

Die App wurde in New York präsentiert, nicht in einer Galerie oder einem Museum, sondern beim New Yorker „Tribeca Film Festival“ im April. Dort sorgte „Circa 1948“ als Installation für lange Warteschlangen beim Publikum. Produziert wurde „Circa 1948“ vom National Film Board of Canada, das sich eine Art Vorreiterrolle bei anspruchsvollen, webbasierten Multimedia-Produktionen erarbeitet hat. Ausgezeichnete Webdokus wie „Bear71“, aber auch Koproduktionen mit dem Kultursender Arte können auf der Website nfb.ca gratis abgerufen werden.

Stan Douglas’ Gratis-App „Circa 1948“ lädt indes auch ein junges Publikum ein, Kunst in neuen Kontexten zu entdecken. Und Sammler können vielleicht schon bald ihre Kollektion in der Hosentasche mitführen.