Jetzt werden aus Helden Legenden
Die Quoten der Wettbüros halten WM-Gastgeber Brasilien als Titelfavorit die Stange. Dahinter liegen viele Topnationen gleich auf. Ein achtes Weltwunder muss vor dem Viertelfinale nur Costa Rica beschwören.
Von Alex Gruber und Tobias Waidhofer
Innsbruck –Nach 56 (48 Vorrundenspiele und acht Achtelfinali) von 64 Spielen bei der 20. WM-Endrunde bestätigt eines den Trend: Alle Topnationen kämpfen mit ihren Problemen, restlos überzeugt haben mit Kolumbien und Costa Rica eher zwei Außenseiter. Der neue Champion muss sich jetzt zeigen:
Argentinien: Das WM-Achtelfinale gegen die Schweiz führte wieder einmal eindrucksvoll vor Augen, was in einer einzigen Szene passiert, wenn Lionel Messi in der gegnerischen Hälfte ins Laufen kommt und ein letztes Foul am vierfachen Weltfußballer misslingt. „La Pulga“, der Floh, trifft nicht nur selbst, sondern kann auch hochkarätige Nebenspieler wie Ángel di María bedienen. Vielleicht kehrt auch Sergio Agüero wieder ins Aufgebot der „Albiceleste“ zurück. Die Gauchos, die auch auf die Fans bauen können, haben Luft nach oben. Alle Fäden laufen aber bei einem zusammen – Lionel Messi.
Belgien: Normalerweise müsste der Österreichische Fußballbund umgehend die belgische Nachwuchsförderung kopieren. Die beiden routinierten Innenverteidiger Daniel van Buyten und Kapitän Vincent Kompany haben hinter (Goalie Courtois) und vor (Hazard, Mertens, Witsel, Origi, Lukaku) sich die Zukunft des Weltfußballs. Das Angebot, aus dem Teamchef Marc Wilmots auch von der Bank aus schöpfen kann, ist „à la bonne heure“. Gegen die USA brachte er einen Edeljoker wie Romelu Lukaku – vom Talent her kann man die „Roten Teufel“ zu den absoluten Topnationen zählen.
Brasilien: Der Elfmeterkrimi gegen Chile hat die Seleção auch in Sachen Nervenstärke und Zusammenhalt weiter bestärkt. Die Gewissheit ist da, dass auch Goalie Júlio César eine Partie reißen kann. Vorne bleiben alle Augen auf Neymar gerichtet, der mit Druck spielerisch so leicht umgeht, als würde es ihn gar nicht geben. Und irgendwann muss doch auch ein Hulk, Oscar oder Fernandinho vor dem Heimpublikum wieder explodieren. Im (Unter-)Bewusstsein ist auch die kosmische Macht mit Brasilien. Viele drücken dem sentimentalen WM-Favoriten auch in unseren Breitengraden die Daumen.
Costa Rica: Die politische Schweiz Zentralamerikas (aufgrund dauerhafter und aktiver unbewaffneter Neutralität) genießt den sportlichen Höhenflug in vollen Zügen. Und der Wille kann auch in numerischer Unterlegenheit wie zuletzt gegen die Griechen Berge versetzen. Die Auswahl des Vier-Millionen-Staates hat in der Vorrunde schon Italien und England in die Wüste geschickt und scheint ein Rezept gegen die Großen zu haben. Goalie Keylor Navas strahlt jene Ruhe und Souveränität aus, die zu Sensationen animieren. Wunder geschehen, darauf müssen die Ticos weiterhin bauen – in aller Lockerheit.
Deutschland: Beim mühevollen Achtelfinalerfolg über Algerien hat die DFB-Auswahl hinten nur mit Manuel Neuer und vorne nur mit Thomas Müller gespielt. Dazwischen tauchten äußerst viele ab – noch ehe sich Innenverteidiger Per Mertesacker sichtlich heiß in die Eistonne schmeißen wollte. Bei allen Aufstellungsdiskussionen hat Teamchef Jogi Löw speziell im Mittelfeld immer noch eine erlesene Wahl. Und das schwächste Match hat die Turniermannschaft Deutschland wohl bereits hinter sich gebracht. Typen wie Müller, der unorthodox auf die Macht der Intuition vertraut, machen einfach gefährlich.
Frankreich: Teamchef Didier Deschamps, selbst Welt- und Europameister in aktiven Tagen, hat es in Brasilien offenbar dazu gebracht, aus der Skandaltruppe von 2010 ein geschlossenes, verschworenes Kollektiv zu machen. Er weiß, was es zum großen Erfolg braucht. Und ein vermeintliches Drama wird vielleicht zu einer möglichen großen Geburt: Das Fehlen von Franck Ribéry, der die Bälle sonst magisch anzieht, scheint Karim Benzema, Valbuena, Griezmann und Co. nämlich mehr zu beflügeln denn zu lähmen. Nach 1998 scheint die Zeit für „Le Bleus“ wieder einmal reif, die Grande Nation hat Blut geleckt.
Kolumbien: Gestatten, James Rodríguez oder die unglaubliche Leichtigkeit des Seins. Kolumbiens fünffacher Turniertorschütze ist der lebende Beweis, dass sich mit Talent und Arbeitsmoral große Türen öffnen können. Manchmal geht einem alles auf. Das Team um Trainervater José Pékerman bewies mit dem Punktemaximum in der Vorrunde und Achtelfinalerfolg über Uruguay, warum man die Südamerika-Quali hinter Argentinien an zweiter Stelle beendet hat. Offensiv hat Kolumbien neben Rodríguez weitere Torgefahr (Jackson Martínez) und einen exzellenten Vorbereiter (Juan Cuadrado).
Niederlande: Eine Schwalbe macht zwar keinen Sommer, aber ein überragender Arjen Robben sorgt neben Robin van Persie für allerlei Gefahr. Und nicht nur aus der Pfeife der Schiris. Die Welt scheint in Brasilien wieder in Orange getaucht zu sein. Die Holländer haben mit vielen Jungen und erfahrenen Routiniers Wege gefunden, den Gegnern in mehreren taktischen Systemen wehtun zu können. Titelverteidiger Spanien wurde sogar mit 5:1 paniert, zuletzt wurde gegen Mexiko auch Kampfkraft und Überzeugung untermauert. Louis van Gaal muss einem nicht sympathisch sein. Der Bondscoach scheint die Zügel bei der „Elftal“ aber felsenfest in seinen Händen zu halten.
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