Tanzgeschichte im Schnelldurchlauf - Solo von Tino Sehgal in Salzburg

Salzburg (APA) - Die stilprägenden Bewegungskonzepte und das zentrale Vokabular europäischer Tanzgeschichte in einer einzigen Performance fü...

Salzburg (APA) - Die stilprägenden Bewegungskonzepte und das zentrale Vokabular europäischer Tanzgeschichte in einer einzigen Performance für einen Tänzer - damit hat der deutsch-britische Performer und Choreograf Tino Sehgal im Jahr 2000 seinen künstlerischen Durchbruch geschafft. Die Salzburger Sommerszene hat dieses Stück „(ohne Titel)“ am Dienstagabend in der Rainberghalle erstmals in Österreich gezeigt.

„(ohne Titel)“ von Tino Sehgal ist eine Art Schnelldurchlauf durch die Schlüsselchoreografien des 20. Jahrhunderts und gilt mittlerweile selbst als museales Prunkstück im kollektiven Bewegungsgedächtnis. Sehgal tanzt das 14 Jahre alte Solo seit seiner Wiederaufnahme nicht mehr selbst. Die 55-minütige Performance wurde verschiedenen Tänzern übergeben, nach Salzburg schickte Sehgal den Deutsch-Amerikaner Frank Willens. Dieser durchtrainierte Mann überzeugte mit präziser Körperarbeit und souveräner Bühnenpräsenz.

Am Anfang steht Vaslav Nijinsky, auch die Handschriften von Merce Cunningham und Pina Bausch erschließen sich schnell. Kenner der europäischen Tanzgeschichte mögen auch Alain Platel und Jerome Bel herauslesen, dann aber beginnen Vermutung und Ratespiel: Bejart, Vandekeybus oder doch De Keersmaeker? So konkret Sehgals Konzept auch ist, irgendwann im Laufe der knappen, vollständig musiklosen Performance-Stunde verlieren sich der „Meister der immateriellen Konzeptkunst“ und sein Tänzer in Spekulation. Nur ganz am Ende legt er sich wieder fest: Der während der gesamten Choreografie splitternackte Tänzer lässt sein Wasser vor die Füße der Zuschauer in der ersten Reihe. Da weiß man wieder, woran man ist.

Sehgal ist viel prämierter Biennale- und Documenta-Künstler und kann auf Solo-Ausstellungen beziehungsweise Kunst-Performances im Guggenheim New York oder in der Londoner Modern Tate Gallery verweisen. Immer kreiert er Szenen, in denen Ausstellungsbesucher durch Licht, Dunkelheit, Tanz, Klänge, Gesang, Berührung und andere performative Techniken unmittelbar eingebunden, angesprochen oder provoziert werden. Von keiner seiner Arbeiten gibt es Videos oder Fotos, sogar gedruckte Kataloge oder Einladungen zu seinen ausschließlich in Zusammenhang mit Ausstellungen realisierten „Kunst-Shows der inszenierten Flüchtigkeit“ lehnt Sehgal kategorisch ab.

(S E R V I C E - Tino Sehgal: „(ohne Titel)“, weitere Vorstellung heute, Mittwoch, 20 Uhr, in der Rainberghalle, Künstlergespräch nach der Vorstellung, Karten: 0662 / 84 37 11, www.szene-salzburg.net )