Regisseur Lemke: „Film ist kein bekloppter Euro-Müll-Kitsch“

München (APA/dpa) - Sex, Gewalt und Drogen - die Filme von Klaus Lemke waren den Organisatoren des Münchner Filmfests lange zu schmuddelig. ...

München (APA/dpa) - Sex, Gewalt und Drogen - die Filme von Klaus Lemke waren den Organisatoren des Münchner Filmfests lange zu schmuddelig. In der Vergangenheit protestierte Lemke medienwirksam gegen die Ablehnung seiner Werke. Mit Erfolg: In diesem Jahr bekommt der Regisseur eine eigene Reihe, das Filmfest zeigt sieben seiner Filme.

Das Spektrum reich von den Anfängen mit dem 70er-Jahre Kiez-Film „Rocker“ bis zum 2009 erschienenen Film „Finale“ über eine lesbische Liebe. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa poltert der 73-Jährige gegen festgefahrene Strukturen im Filmgeschäft und käufliche Kultur.

Frage: Herr Lemke, Sie kritisieren das deutsche Filmgeschäft. Warum?

Antwort: Ganz früher haben sich Regisseure für Mädchen und für Filme interessiert. In den 1980ern ausschließlich für Catering und Filmtechnik. Und heute interessieren sich Regisseure ausschließlich für den artgerechten Einbau von Einbauschränken und die neuen Gartenmöbel. Allerdings: Wenn der liebe Gott nicht gewollt hätte, dass sie geschoren werden, hätte er die deutschen Regisseure nicht zu Schafen gemacht.

Frage: Das müssen Sie erklären.

Antwort: Der deutsche Film war schon Anfang der 1970er tot. Damals ging der geniale Alexander Kluge zum Innenminister und legte ihm folgendes Geschäftsmodell vor: Man nimmt den Film aus dem freien Wettbewerb, betrachtet Film nicht länger als Dienstleistung, sondern macht aus Film ein Kulturgut und behandelt es wie eine aussterbende Tierart oder wie das damals schon vollkommen mumifizierte deutsche Theater. Der Background von Alexander Kluges wirklich geilem Vorschlag: Da niemand die Filme seiner Oberhausener (gemeint ist ein Zusammenschluss von Regisseuren, Anm.) sehen wollte, sollte wenigstens der Steuerzahler aus Rache dafür zahlen. De facto war das der Anschluss an das Staatskino der DDR.

Frage: So entstand die Filmförderung. Was stellen Sie sich denn stattdessen vor?

Antwort: Film ist eine schlafwandelnde Göttin: Champagner für die Augen, Gift für den Rest. Film ist kein bekloppter Euro-Müll-Kitsch: Brav, banal, begütigend, frigide, museal, käuflich und selber schuld. Wirkliche Filme sind plötzliche Momente von Ekstase. Film ist jedenfalls kein Kreuzworträtsel, wo zum Schluss alles zusammenpassen muss. Gegen die geballte Irrationalität des Lebens kommt man nur an, indem man die Filme noch etwas rätselhafter zurücklässt, als man das Leben vorgefunden hat. Das ist das, was amerikanische Serien machen.

Frage: Was läuft bei denen anders?

Antwort: Amerikanische Serien haben nichts mit Geld zu tun. Es geht allein um die Neuerung durch narrative Verausgabung. Nur dieser Moment ist weltweit ansteckend.

Frage: Wie käme Deutschland dahin?

Antwort: Wenn der Staat in den nächsten 100 Jahren seine schmutzigen Finger nicht aus dem Film nimmt, bleiben wir für den Rest des Jahrhunderts die Toplangweiler der Welt. Wir bauen die geilsten Autos, haben die schönsten Frauen, aber unsere Filme sind wie Grabsteine. Würde man jedwede Filmförderung aus Steuermitteln über Nacht abschaffen - wir wären in zwei Jahren das kreativste Filmland in Europa und eine echte Konkurrenz zu Hollywood. Und endlich würden sich auch wieder junge Leute für Filme interessieren. Wenn Film endlich wieder dieser klassische Jungs-Sport würde, der er in Hollywood immer schon war und wo es mehr aufs Maul gibt, als Küsse im Dunkeln.

Frage: Aber es ist doch nicht alles gut, was aus Hollywood kommt.

Antwort: Natürlich nicht. Hollywood ist eine Industrie. Aber selbst das gibt es nicht bei uns. Hier gibt es keinen freien Markt für Filme. Hier findet gar nichts statt, außer „Fack ju Göhte“ und Dominik Graf.

Frage: Was haben die anders gemacht?

Antwort: Die sind stark genug, sich gegen das staatliche System durchzusetzen. Aber selbst deren Filme wären ohne Staatsknete noch besser. In Amerika lachen sich die Leute doch darüber tot, dass der Staat hier seine Finger im Film hat. Aber das ist bei uns so seit Adolf. Seitdem sind wir von der Moderne ausgeschlossen. Das moderne amerikanische Kino besteht nicht etwa aus den Bildern, sondern aus der Art, wie etwa Christian Bale redet. Deutsch dagegen transportiert nur noch Mutter, Migräne, Magersucht.

Frage: Dennoch war es Ihnen wichtig, dass Ihre Filme beim Filmfest laufen, Sie haben dafür sogar demonstriert. Das Fest lebt aber doch auch von den etablierten Strukturen im Filmgeschäft.

Antwort: Ich habe die Filme eingereicht, damit sie abgelehnt werden. Das ist die beste Publicity. Das Filmfest und ich, wir leben beide davon und geben das auch offen zu. Jedenfalls mache ich Publicity nicht mit Steuergeldern.

(Das Gespräch führte Rebecca Krizak, dpa)

(S E R V I C E - www.filmfest-muenchen.de)