Festspiele Reichenau: „Weites Land“ mit blinden Flecken
Reichenau (APA) - „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler hat am Mittwochabend den diesjährigen Premierenreigen bei den Festspielen Reichenau...
Reichenau (APA) - „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler hat am Mittwochabend den diesjährigen Premierenreigen bei den Festspielen Reichenau eröffnet. In der eher kammerspielartigen Inszenierung von Hermann Beil setzte sich Joseph Lorenz als Hofreiter brillant in Szene, konnte aber nur auf wenige ebenbürtige Mitakteure zählen. Dieses weite Land hat starke Stellen, aber auch viele blinde Flecken.
Zum dritten Mal nach den denkwürdigen Aufführungen 1992 mit Wolfgang Hübsch und Marianne Nentwich sowie 2004 im Südbahnhotel mit Herbert Föttinger und Petra Morzé steht die Tragikomödie nun in Reichenau - im Neuen Spielraum - am Programm. Joseph Lorenz spielt alle Facetten der Eitelkeit zwischen nonchalantem Charme und rücksichtslosestem Macho-Gehabe, saloppem Salonton und opportunistischer Wendigkeit aus. Nachdem er den jungen Nebenbuhler im Duell erschossen hat, bleibt, ins Out manövriert, ein wie plötzlich gealterter Mann im fahlen Licht übrig: eine der stärksten Passagen.
Genias Emotionen (sehr spröde: Julia Stemberger) hingegen verbergen sich hinter maskenhafter Mimik. Schwer vorstellbar, dass sie sich dem Fähnrich Otto hingegeben hat, dass sie den Pianisten Korsakow in den Selbstmord getrieben haben soll. Der von Schnitzler in seinerzeitigen Aufführungen an der Figur der Genia monierte Mangel an „Seelenvollem“ scheint auch hier eine seltsame Gefühlsstarre hervorzurufen. Auch Dominik Raneburger nimmt man den draufgängerischen Heißsporn nicht ganz ab. Als seine Mutter verströmt Elisabeth Augustin die sedierende Aura eines Heiligenbilds, Gabriele Schuchter - als neugierig-betuliche Frau Wahl - und Rainer Frieb als Hoteldirektor und Schwerenöter ist hingegen für komödiantische Züge zu danken.
Mit bewährt fassungsloser Leidensmiene absolviert André Pohl seine Loser-Rolle als Doktor Mauer. Johanna Arrouas als Erna ist wenig mehr als ein großes Mädchen, Chris Pichler eine adäquat oberflächliche Adele mit Appeal, Miguel Herz-Kestranek (er alterniert mit Hannes Gastinger) gibt einen filmreifen Portier Rosenstock. Peter Loidolts Bühnendreieck findet mit wenig Möblage das Auslangen und bezieht sogar den gefährlichen Aigner-Turm mit ein. Helmut Jasbars musikalische Einsprengsel zu den Aktanfängen schaffen uneingelöste Thriller-Erwartung. Die Spannung reicht nicht aus, das weite Seelenland zu durchmessen.
(S E R V I C E - Festspiele Reichenau: Arthur Schnitzler, „Das weite Land“. Regie: Hermann Beil. Mit Joseph Lorenz, Julia Stemberger, Elisabeth Augustin, Dominik Raneburger, Rainer Frieb, Gabriele Schuchter, Johanna Arrouas, Paul Maresch, Eduard Wildner, Chris Pichler, André Pohl, Daniel Jesch, Lukas Wurm, Miguel Herz-Kestranek / Hannes Gastinger. Alle Vorstellungen im Neuen Spielraum bis 4. August ausverkauft. www.festspiele-reichenau.com)
(Der vorliegende Bericht bezieht sich auf die Hauptprobe.)
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