Wer ist der Urlaubsmörder?
Ein Wanderurlaub am Fuße der Eigernordwand klingt an sich verlockend. Doch wer auf Reisen mehr Herausforderung braucht, kann in Grindelwald auf die Suche nach einem Mörder gehen.
Von Judith Sam
Grindelwald –„Gerade vor ein paar Minuten wurde uns das erste Mordopfer hier im Ort gemeldet – willkommen in der Schweiz.“ So unkonventionell die Begrüßung der Rezeptionistin des Hotel Spinne in Grindelwald ist, so überraschend ist die Reaktion des deutschen Pärchens darauf: „Ja wunderbar! Wir haben uns schon den ganzen Tag auf die Leiche gefreut.“
Keine Sorge, die kleine Gemeinde im Kanton Bern ist kein bevorzugtes Reiseziel für Gewalttäter. 500 Hobbydetektive fanden sich zu Pfingsten zwischen Grindelwald und Mürren ein, um drei Tage lang einen Mörder zu suchen – einen fiktiven, versteht sich. Bei der Premiere des Events 2013 waren es noch halb so viele Laien-Ermittler gewesen.
„Bei dem ,Mords-Event‘, das einer Anstoßfinanzierung von 50.000 Franken bedarf, dreht sich alles um Linda Frost, eine Diva aus Wengen, die mit James Dean geschlafen hat und mit Marylin Monroe befreundet war“, schildert Drehbuchautor Peter Denlo. Zwei Jahre lang tüftelte er an den Rollen der potenziellen Täter und deren Opfer: „Es gilt, die 50 Tatorte auf Berghütten, in Restaurants oder Parkhäusern zu besuchen, um Indizien zu sammeln.“ Nur so kann man herausfinden, wer Linda Frost ermorden will, ihr Morddrohungen schreibt und ihren siebten Ehemann bereits getötet hat.
„Klingt nach recht viel Spannung für einen Urlaub“, gesteht Lara Saxenhofer vom Jungfrau-Region-Marketing. „Wer zwischendurch fahndungsmüde wird, kann den ,Top of Europe‘ erkunden.“ Damit bezieht sich die junge Schweizerin auf das 3454 Meter hoch gelegene Jungfraujoch in den Berner Alpen, das jährlich rund 700.000 Touristen anlockt: „Vor allem Asiaten tummeln sich derzeit in den luftigen Höhen.“ Ein Blick in die Zahnradbahn, in der die Urlauber die zwölf Kilometer lange Distanz bequem zurücklegen können, gibt ihr Recht: „Es ist schon ein Erlebnis, durch den in Fels geschlagenen Tunnel zu fahren. Vor allem, weil man an den Stationen Eigernordwand und Eismeer aussteigen kann, um die atemberaubende Kulisse zu bewundern.“
Die Nordwand erlangte spätestens 1936 Berühmtheit, als die Kletterer Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer die Erstbesteigung der so genannten „Mordwand“ wagten. Vergebens. „Bisher kamen 52 Menschen an dem 1800 Meter hohen Fels ums Leben“, weiß Wanderführerin Sandra Kaiser. Der Name des Hotels Spinne stammt übrigens auch von dieser Wand ab: „Da das Kletterareal so groß ist, wurde es in Bereiche unterteilt. So können Verunglückte den nahenden Rettern besser beschreiben, wo sie zu finden sind. Und einer dieser Abschnitte heißt ,Spinne‘.“
Wer dieses krakelig aussehende Teilstück von oben betrachten will, muss laut Kaiser ausgesprochen fit sein oder 150 Euro für die Fahrt auf das Jungfraujoch bezahlen: „Das kommt Ihnen für die 80-minütige Bahnfahrt teuer vor? So mancher Tourist geht sogar einen Schritt weiter und kauft im Gletscherrestaurant eine Tausende Euro teure Designeruhr. Dann kann man zuhause sagen, dass man das Schweizer Präzisionsinstrument am höchstgelegenen Bahnhof Europas erstanden hat.“
Ist die Geldtasche jedoch nicht für derartige Souvenirs gewappnet, sollte man sich auf die deutlich günstigere Mördersuche konzentrieren: „Zwei Übernachtungen und das Krimiticket kosten rund 160 Euro“, erklärt Denlo, der bereits am nächsten Krimi-Event für 2015 feilt. Kaum hat der ausgebildete Schauspieler fertig gesprochen, zeigt sein Smartphone eine SMS an: „Leiche gefunden! Alle sofort an den Tatort kommen – Lauterbrunnen, Parking, südlich von Parkhaus Nummer 46.“
Während Denlo wie angewiesen zum Parkhaus eilt, erklärt er: „Wir senden allen Teilnehmern während der drei Ermittlungs-Tage SMS. So fällt es ihnen leichter, die wichtigen Indizien dieser Schnitzeljagd nicht aus den Augen zu verlieren.“
Sich auf den Mordfall zu konzentrieren, ist in Anbetracht der betörenden Naturkulisse wirklich nicht ganz einfach. „Natürlich reist der Löwenanteil der Touristen nach Grindelwald, um zu wandern. Doch auch Base-Jumping erfreut sich steigender Beliebtheit“, schildert Saxenhofer. Zwar lockt der Extremsport junge Urlauber an, was wichtig ist, weil 75 Prozent der Einheimischen vom Tourismus leben. Doch immer wieder kommen Base-Jumper im Berner Oberland ums Leben – zuletzt verstarben drei Extremsportler Ende März im Nachbarort Lauterbrunnen.
„Von so gefährlichen Sportarten war noch nicht die Rede, als Thomas Cook – den man heute als Reiseanbieter kennt – Mitte des 19. Jahrhunderts den Kanton Bern für den Tourismus entdeckte“, weiß Saxenhofer. Um diese touristische Tradition am Leben zu halten, darf natürlich kein Mörder in Grindelwald auf freiem Fuß sein. Kein Wunder, dass sich auch Saxenhofer auf der Suche nach ihm begibt: „Ich habe Lindas letzten Ehemann, den schönen Jeff, in Verdacht. Der ist sicher hinter ihrem Erbe her.“ Und sie sollte Recht behalten ...
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