Literatur

Thanksgiving mit Folgen

© kiepenheuer und witsch

Innsbruck – Als der Roman „Auf dass uns vergeben werde“ von A. M. Homes vor zwei Jahren in den USA erschienen ist, verglich der Kritiker des...

Innsbruck –Als der Roman „Auf dass uns vergeben werde“ von A. M. Homes vor zwei Jahren in den USA erschienen ist, verglich der Kritiker des Observer den 672-Seiten-Schmöker mit Jonathan Franzens genialen „Korrekturen“. Was wohl etwas übertrieben ist, allerdings nicht bedeuten soll, dass sich der Plot der New Yorkerin nicht süffig liest, eintauchen lässt in eine schräge Familie, wie sie wohl keiner von uns kennt.

Die Silvers sind jüdisch und sehr amerikanisch. Im Mittelpunkt stehen zwei ungleiche Brüder: ein kinderloser, mäßig erfolgreicher College-Professor – von dem man nicht zufällig erst in der zweiten Hälfte des Romans erfährt, dass er Harry heißt – und sein Bruder George, ein Alphamännchen der übelsten Art. Dessen Frau Jane überrumpelt ihren Schwager bei einer Thanksgiving-Feier „mit einem feuchten, fettigen Kuss“. Auslöser für eine Kette ebenso tragischer wie skurriler Ereignisse. Die exakt in einem Jahr passieren.

In dem George einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht, seine Frau in flagranti mit seinem Bruder erwischt und sie erschlägt. Um in der Psychiatrie zu landen, während der von seiner Frau verlassene Nixon-Spezialist Harry zum aufopferungsvollen Ersatzvater nicht nur für seine Nichte und seinen Neffen wird, dessen Bar Mizwa groß in Südafrika zelebriert wird. Nur beziehungstechnisch will es nicht klappen: Der Ausweg sind Internet-Bekanntschaften diverser Art.

Wie Homes die Geschichte der Silver’schen Mischpoke beschreibt, ist eine ebenso doppelbödige wie galgenhumorige Abrechnung mit der amerikanischen Gesellschaft. Wobei es höchst reizvoll ist, mit wie viel Empathie für sämtliche Spielarten der menschlichen Spezies sich die Autorin in männliche Seelen hineinzuversetzen versteht. (schlo)