Mühlsteine erwachen aus Dornröschenschlaf
Vor 100 Jahren wurde der Mühlenbetrieb am Piburger See eingestellt. Ein Leader-Projekt ermöglichte es, dass die großen Steine wieder mahlen.
Von Thomas Ploder
Oetz –Bis 1914 betrieben die Piburger am Zulauf des Sees eine eigene Mühle. Durch den Bau der Arlbergbahn konnten Korn und Mehl günstiger zugekauft werden, der Mühlenbetrieb wurde eingestellt. Das Gebäude selbst stand zwar noch bis in die 1950er, verfiel jedoch mangels Nutzung und wurde am Ende abgebrochen. Nach ersten Überlegungen 2007 und dem Auffinden der alten Mühlsteine bei Grabungsarbeiten 2011 beschloss der 2008 gegründete Piburger Brunnenverein einstimmig, unweit des ursprünglichen Standortes wieder eine Mühle und einen gemauerten Brotbackofen nach altem Vorbild zu errichten. Nach fast genau 100 Jahren und einer entsprechenden Sanierung drehen sich nun, durch Wasserkraft angetrieben, die alten Steine wieder. Obwohl die Mitglieder des Brunnenvereins um Obmann Ferdinand Plattner rund 95 Prozent der 2800 Arbeitsstunden ehrenamtlich leisteten, wäre ihnen alleine die Finanzierung der Materialkosten von rund 70.000 Euro nicht möglich gewesen. Dies gelang im Zuge eines Leader-Projektes, in dem für rund 70 % der Gesamtkosten eine Beteiligung der Gemeinde Oetz, des Ötztal Tourismus sowie des Landes und der EU erreicht werden konnte. Die übrigen Kosten trug der Brunnenverein selbst.
Selbst nach Klärung der Finanzierung wäre eine Umsetzung ohne externe Fachleute nicht möglich gewesen. Unter ihnen Johann Glatzl aus Haiming, der durch den Anbau alter Sorten als Bio-Bauer heimische Getreidearten bewahrt und selbst eine eigene Mühle nach traditionellem Vorbild betreibt. Glatzl gilt auch als Initiator einer überregionalen Mühlenplattform zur Revitalisierung alter Müllereikultur, die bereits zahlreiche Projekte in ganz Österreich erfolgreich umsetzte. „Ob Windmühlen oder Wassermühlen – der Mensch hat immer nach Möglichkeiten gesucht, natürliche Antriebskräfte zu nutzen“, beschreibt Johann Glatzl, „von den Tausenden von Mühlen sind immer noch viele in ganz unterschiedlichen Zuständen erhalten, die es zu pflegen und wenn möglich auch zu reaktivieren gilt.“ Dazu bekennt sich der Mühlenexperte allerdings nicht nur zur Auseinandersetzung mit historischer Substanz. Projekte wie jenes in Piburg sind besonders gut dazu geeignet, ehemalige dörfliche Strukturen und Funktionen in zeitgemäßer Form wiederzubeleben. Diese Orientierung an der eigenen Tradition und die qualitätsorientierte Übertragung in die Gegenwart würde die eigene Identität stärken, regionale Produkte und damit die heimischen Produzenten fördern und durch die kurzen Transportwege auch einen Beitrag zu Klimaschutz und Energieeinsparung leisten.
Im Zuge des Festaktes zur offiziellen Inbetriebnahme und der Segnung durch Pfarrer Ewald Gredler betonte Obmann Ferdinand Plattner, dass die neue Mühle bereits während ihrer Errichtung und im folgenden Probebetrieb einen enormen Stellenwert im Sozialgefüge Piburgs erlangte. Die Möglichkeit, eigenes Getreide zu vermahlen und dieses im Mühlenofen zu Brot zu backen, wird erfreulich gut angenommen. Das gesamte Projekt soll aber nicht nur aus einer voll funktionsfähigen Mühle und einem gemauerten Bachofen bestehen, es soll auch als Dokumentationsstätte der Geschichte des Weilers Piburg dienen. Deshalb bietet der Brunnenverein Interessierten auch Führungen an.
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