Hamas mit dem Rücken zur Wand
Gaza/Jerusalem (APA/AFP) - Die radikalislamische Palästinenserbewegung Hamas kämpft um ihr politisches und militärisches Überleben. Nach der...
Gaza/Jerusalem (APA/AFP) - Die radikalislamische Palästinenserbewegung Hamas kämpft um ihr politisches und militärisches Überleben. Nach der Entführung von drei jüdischen Religionsschülern Mitte Juni wurden ihre Strukturen im Westjordanland weitgehend zerschlagen. Im Gazastreifen steht sie seit dem Sturz der mit ihr verbündeten islamistischen Regierung in Ägypten vor einem Jahr mit dem Rücken zur Wand.
Im Aussöhnungsabkommen mit der von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas (Abu Mazen) geführten PLO konnte dieser seine Bedingungen diktieren. Mit martialischen Erklärungen versucht die bedrängte Bewegung, ihre zunehmende Isolation zu übertünchen.
Die Organisation wurde kurz nach Beginn der ersten Intifada am 14. Dezember 1987 von Scheich Ahmed Yassin gegründet, der im März 2004 von der israelischen Armee getötet wurde. Hamas ist die Abkürzung der arabischen Bezeichnung für „Islamische Widerstandsbewegung“. Das Wort selbst bedeutet „Eifer“. Programmatisches Ziel der Hamas ist die Zerstörung Israels und die Errichtung eines islamischen Staates Palästina von der Mittelmeerküste bis zum Jordanfluss. Deshalb agitierte sie 1993 heftig gegen die Oslo-Abkommen, welche die erste Stufe einer Zweistaatenlösung bildeten.
Die Bewegung entstand als Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft und verstand sich ursprünglich als Gegenpol zur Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Sie trat zunächst als reine Wohlfahrtsorganisation auf und gründete soziale Einrichtungen, darunter viele Schulen, was ihre Popularität in der verarmten Bevölkerung des Gazastreifens erklärt und sie 2006 bei den letzten Wahlen zur stärksten Fraktion im Palästinenserparlament machte.
Danach verschärften sich die Rivalitäten mit der die PLO dominierenden Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Abbas. Nach einwöchigen Kämpfen mit den Fatah-Milizen übernahm die Hamas im Sommer 2007 die Kontrolle im Gazastreifen. Obwohl sie im Juni die politische Verantwortung dort im Zuge der Aussöhnungsbestrebungen an die neue, aus Fachministern gebildete Konsensregierung abgetreten hat, ist die Hamas in dem Küstengebiet derzeit weiter die maßgebliche militärische Ordnungsmacht.
Der exilierte Hamasführer Khaled Mashaal lebt seit Anfang 2012 in Doha, nachdem er seinen früheren Stützpunkt Damaskus wegen des Bürgerkriegs in Syrien verlassen musste. Die Führungsriege in Gaza wird von Ismail Haniyeh geleitet.
Die Europäische Union setzte die Hamas im September 2003 auf die Liste der Terrororganisationen; auch Israel und die USA betrachten sie als Terrorgruppe und lehnen Gespräche mit ihr ab.
Der bewaffnete Arm der Hamas sind die Ezzedin-al-Kassam-Brigaden, die sich zu den meisten anti-israelischen Attentaten bekannten und nach Schätzung unabhängiger Experten etwa 10.000 Kämpfer befehligen. Ihre Waffen werden in den Gazastreifen geschmuggelt oder sind selbstgebaut und bestehen aus Minen, Raketen, Granaten und leichteren Waffen.
Die Brigaden bekannten sich während der zweiten Intifada zu 87 Selbstmordanschlägen. Mehr als 1300 Israelis sollen dabei getötet und mehr als 6400 verletzt worden sein. Im Gazastreifen verfügen sie seit einigen Jahren über Raketen mit einer Reichweite, die die israelischen Ballungszentren Tel Aviv und Jerusalem bedroht. Noch extremistischere Gruppen wie der Islamische Jihad und salafistische Jihadisten warben ihr aber in den letzten Jahren besonders fanatische Mitglieder ab und entziehen sich zunehmend ihrer Kontrolle.
Ihre Ablehnung einer Zweistaatenlösung hat die Hamas nämlich in den letzten Jahren aufgeweicht. Als „Übergangslösung“ ist sie bereit, einen Palästinenserstaat in den Gebieten akzeptieren, die 1967 von Israel besetzt wurden. Eine Anerkennung des Existenzrechts Israels in den Grenzen von 1948 soll damit aber nicht verbunden sein. Im Zuge des „nationalen Dialogs“ mit der PLO hat Haniyeh zudem zuletzt mehrfach versichert, die Bewegung werde ein Friedensabkommen mit Israel respektieren, das durch einen Volksentscheid bestätigt wird - „selbst wenn das Ergebnis den politischen Überzeugungen der Hamas widerspricht.“
031521 Jul 14
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