Bachmann-Preis: Glasklare Wutliteratur und erotische Wiederbegegnung
Klagenfurt (APA) - Mit der Lesung von Gertraud Klemm ist am Donnerstagnachmittag das Wettlesen um den Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-The...
Klagenfurt (APA) - Mit der Lesung von Gertraud Klemm ist am Donnerstagnachmittag das Wettlesen um den Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater fortgesetzt worden. Ihr Romanauszug „Ujjayi“ spaltete die Juroren, wobei das Lob überwog. Den Abschluss des ersten Lesetags machte Olga Flor, die es nach 2003 zum zweiten Mal versuchte. Auch ihr Text wurde kontrovers debattiert, überzeugen konnte sie aber nicht.
Klemms Protagonistin ist die junge Mutter Franziska, die mit ihrer Situation nicht wirklich zurechtkommt, nicht mit ihrem Schreibaby, nicht mit ihrem „patscherten“ Ehemann, der schon ein zweites Kind will, obwohl sie noch nicht einmal mit der jetzigen Situation zurechtkommt. Der Haushalt und die Mutterschaft haben sie fest im Griff, lassen sie eine große Wut empfinden. Es ist Muttertag, man geht gemeinsam mit den Eltern essen. Dort trifft sie eine ehemalige Liebe, und eigenartigerweise führt genau diese Begegnung dazu, dass sie jetzt doch wieder schwanger werden will.
Arno Dusini sah einen Text, der von Aggression spreche, auch von Selbstaggression, das Schreiben der Autorin laufe „gegen die Wand“. Meike Feßmann las die Geschichte als „Frustrationslabyrinth“ der Kleinkinderziehung, die ihr gut gefallen habe. Daniela Strigl meinte, der Text sei „radikal und banal“, die Adelung der Banalität durch ihre Dekonstruktion. Hubert Winkels, der Klemm nominiert hatte, lobte, dass das „Räderwerk der Suada“ stets sichtbar blieben. Burkhard Spinnen fühlte sich „unangenehm berührt“, er habe beim Lesen eine „schwere Anti-Haltung“ aufgebaut. Der Duktus sei sehr gut getroffen, aber das reiche nicht. Hildegard Keller konstatierte ein „glasklares Stück Wutliteratur“.
Olga Flors „Unter Platanen“ widmet sich ebenfalls einer Wiederbegegnung, diesmal in Lissabon. Die Hauptfigur heißt Sibylle Klein, die bei einer Tagung in der portugiesischen Hauptstadt eine Liebe aus Studentenzeiten wiedertrifft und sich an die wilde Leidenschaft erinnert. Inzwischen ist sie verheiratet und hat zwei Kinder, liebt ihren Mann, die Leidenschaft für den Ex ist aber nach wie vor vorhanden. Sie entscheidet sich aber für ihre Ehe und gegen eine Wiederaufnahme der Beziehung.
„Es ist eine alte Geschichte“, so Winkels. Der Text sei ein Romanauszug, per se trage er sich aber nicht. Strigl, die Flor eingeladen hatte, sah in Sibylle eine „Existenz auf des Messers Schneide“. Feßmann bemängelte, dass der Text dem Leser überhaupt keinen Freiraum gebe. Keller meinte, der Text sei „fast bruchlos angeschlossen an den Vorgängertext“. Überzeugt war sie trotzdem nicht. Juri Steiner meinte, er komme teilweise nicht ganz mit. Dusini schickte voraus, dass er die Autorin sehr schätze, konstatierte aber eine „Wohlstandsprosa“. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen enthielt sich jeglichen Kommentars.
Das Wettlesen wird am Freitag mit Anne-Kathrin Heier fortgesetzt, nach ihr kommen Birgit Pölzl und Senthuran Varatharajah. Den Nachmittag bestreiten die beiden Schweizer Teilnehmer Michael Fehr und Romana Ganzoni.