Zugsunglück von Lac-Megantic erschütterte vor einem Jahr Kanada

Ottawa (APA/AFP) - Ein Jahr nach dem verheerenden Zugsunglück rollen die Waggons wieder durch das kanadische Städtchen Lac-Megantic. Bis jet...

Ottawa (APA/AFP) - Ein Jahr nach dem verheerenden Zugsunglück rollen die Waggons wieder durch das kanadische Städtchen Lac-Megantic. Bis jetzt transportieren sie nur Holz und kein Rohöl wie jene Kesselwagen, die am 6. Juli 2013 in Flammen aufgingen. 47 Menschen starben bei dem schlimmsten Zugsunglück Kanadas, die Stadt wurde auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern verwüstet. Die Furcht sitzt seitdem tief.

Auch wenn die Züge lediglich Baumstämme transportieren, den rund 6.000 Bewohnern von Lac-Megantic in der Provinz Quebec machen sie Angst. „Die Leute hassen sie“, sagt Edith, die Geschäftsführerin eines Lebensmittelgeschäfts. Ihr Geschäft liegt nur 50 Meter von jener Kurve entfernt, in der die führerlosen Waggons des Unglückszuges in den frühen Morgenstunden aus den Gleisen sprangen. Wie durch ein Wunder blieben das Geschäft und die gegenüberliegende Kirche von der Feuersbrunst verschont.

Der Güterzug war mit 72 Waggons voller Rohöl mitten in der Stadt entgleist. Mehrere Kesselwagen explodierten, wodurch ein Großbrand ausgelöst wurde. Nach Angaben der Betreiber hatte vermutlich ein Mitarbeiter vergessen die Handbremsen zu ziehen, weshalb der führerlose Zug in den Ort rollte.

Der langsame Wiederaufbau und das Warten auf die Entschädigungszahlungen der Versicherung zermürbten die Menschen, erzählt Geschäftsfrau Edith. Auch der Gedanke an die Zukunft der Bahnstrecke setze den Menschen zu, sagt ihr Mann Jocelyn. Bei aller Angst - „ohne Züge wären wir eine Geisterstadt,“ sagt er. Denn die regionale Holzwirtschaft sei auf die Eisenbahn angewiesen, um ihre Produkte zu verkaufen. Deshalb gehörte die Bahnstrecke zu den ersten Wiederaufbauprojekten nach der Katastrophe.

Zu beiden Seiten der neuen Gleise bewegen Bagger riesige Erdmassen. Bis zu sieben Meter tief verseuchte das ausgelaufene Rohöl das Erdreich. Weite Teile der Stadt gleichen bis heute einer riesigen Baustelle. Von den Geschäftsstraßen am Seeufer ist nach dem Feuersturm, der erst nach zwei Tagen unter Kontrolle war, kaum mehr etwas übrig geblieben. 30 Gebäude verbrannten, noch einmal so viele müssen abgerissen werden. Auch die Vegetation verschlang das Feuer, nur noch wenige halb verkohlte Bäume ragen in den Himmel.

Ein paar Geschäfte sind inzwischen wieder aufgebaut. Und auch die Bar, in der der größte Teil der Opfer den Tod fand, gibt es wieder. Doch an dem grundlegenden Plan für den Wiederaufbau wird noch gearbeitet.

Dazu befragten die Stadtplaner die Bewohner von Lac-Megantic, auch Volksschüler steuerten ihre Ideen für die Neugestaltung bei. „Für eine Stadt in dieser Größe hat es so etwas noch nie gegeben“, sagt eine der beteiligten Planerinnen. Im Juni waren 350 Einwohner eingeladen, die bisherigen Entwürfe zu kritisieren. Geplant sind unter anderem ein großes Hotel, ein Stadtwald und ein öffentlicher Platz am Seeufer.

Der Pensionist Marcel Philippon findet die Pläne „sehr ehrgeizig“. Dass die Bahntrasse aber wie früher mitten durch die Stadt führt, gefällt ihm nicht. „Das wird eine offene Wunde bleiben, wenn wir die nicht verlegen“, sagt er.

Neun zusätzliche Schienenkilometer wären notwendig, um die Bahnstrecke um die Stadt herum zu führen. Geschätzte Kosten: zwischen 50 und 150 Millionen kanadische Dollar (34 bis 103 Millionen Euro). Weder der US-Eigentümer der Bahn noch die Provinz wollen diese Summe alleine aufbringen. Dabei sei die Bevölkerung einhellig für eine Ortsumgehung, sagt Remi Tremblay, der Chefredakteur der Lokalzeitung „L‘Echo de Frontenac“: „Und das ist so ziemlich der einzige Konsens, den es gibt.“