Eigenständige Weltliteratur für die Augen
Neue Zugänge zu einem geheimnisvollen Textlabyrinth: Zeitgenössische Comic-Künstler setzten sich mit dem Werk Kafkas auseinander.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Der Vorschlag von Verleger Kurt Wollf, das Titelblatt der „Verwandlung“ mit der Illustration eines Käfers zu versehen, brachte Franz Kafka in Rage. Eine schreckliche Vorstellung, schrieb Kafka an Wollf. Und: „Das Insekt kann nicht gezeichnet werden.“ Letztlich landete ein sich verzweifelt windender Mann auf der Erstausgabe der zum Klassiker gewordenen Erzählung. Womit der Autor wohl auch nur schweren Herzens leben konnte. Schließlich liegt die bis heute unheimliche Kraft von Kafkas Texten nicht nur in ihrer trügerischen Einfachheit, sondern eben auch in einer geradezu meisterhaft inszenierten Ungewissheit. Zur Erinnerung: Der unglückliche Protagonist der „Verwandlung“, Gregor Samsa, „fand“ sich eines Morgens zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Und das heißt genauer betrachtet noch lange nicht, dass Samsa – im Rahmen der Fiktion – tatsächlich über Nacht zum Käfer geworden war. Vielmehr eröffnet schon der erste Satz zahllose Wege, alles, was ihm folgt, metaphorisch zu deuten. So kann „Die Verwandlung“ eben nicht nur als Schilderung der Konsequenzen einer biologischen Unwahrscheinlichkeit gelesen werden, sondern eben auch als Erzählung einer ungleich allgemeineren Entfremdung.
In dieser nur unter erheblichen Verlusten in ein anderes Medium übertragbare Unbestimmtheit liegt letztlich das große Geheimnis der Texte des 1883 in Prag geborenen Autors. Trotzdem sind die Versuche, Kafkas Schreiben in andere Kunstformen zu überführen, Legion. Und als gelungen können nur jene Ansätze bewertet werden, denen es gelang, sich so weit von der Vorlage zu lösen, dass eine eigenständige – und dem jeweiligen Medium angemessene – Form zu entwickeln.
Nachdem der Knesebeck Verlag in den vergangenen Jahren mit der Comic-Adaption ganz unterschiedlicher literarischer Werke von Agatha Christie (gelungen) bis Marcel Proust (durchwachsen) einen Trend setzte, widmete er sich zuletzt in lobenswertem Umfang dem Werk Kafkas. Bislang sind dessen vielgelesene Romanfragmente „Der Process“ (Zeichnungen: Chantal Montellier; Text: David Zane Mairowitz) und „Das Schloss“ (Zeichnungen: Jaromir 99; Text: David Zane Mairowitz) sowie die Erzählungen „In der Strafkolonie“ (Zeichnungen: Maël; Text: Sylvain Ricard) und – natürlich – „Die Verwandlung“ (Zeichnungen: Richard Horne; Text: Eric Corbeyran) erschienen.
Gemein ist allen Bänden, dass sie mehr sein wollen als durch Illustration komprimierte Versionen der großen Vorlagen. Vielmehr versuchen sie durch ganz unterschiedliche optische Verfahren, „Das Schloss“ beispielsweise durch an klassische Holzschnitte erinnernde Text-Bild-Gestaltung, eine sprichwörtlich kafkaeske Atmosphäre zu erzeugen.
Im besten Fall gelingt es den Autoren und Zeichnern, dadurch neue Zugänge zu den philologisch scheinbar erschöpfend untersuchten Stoffen zu finden. „In der Strafkolonie“ etwa liest sich durch die betont einfachen, beinahe formalistischen Tableaus wie eine beinahe dokumentarische Schilderung unmenschlicher Grausamkeiten. Und selbst „Die Verwandlung“, die Gregor Samsas Metamorphose niemals in Frage stellt, besticht durch ins Groteske gesteigerten Hyperrealismus als Weltliteratur für die Augen.
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