Fußball-WM: Arjen Robben - Vom Egomanen zum Anführer

Salvador da Bahia (APA/Si/dpa/Reuters) - Er trifft selbst, liefert zentimetergenaue Vorlagen oder holt den entscheidenden Elfmeter heraus. A...

Salvador da Bahia (APA/Si/dpa/Reuters) - Er trifft selbst, liefert zentimetergenaue Vorlagen oder holt den entscheidenden Elfmeter heraus. Arjen Robben befindet sich vor dem Viertelfinal-Duell mit Costa Rica in der Form seines Lebens. Bei der Fußball-WM in Brasilien hat der Angreifer von Bayern München nur ein Ziel vor Augen: Vier Jahre nach dem „bittersten Moment“ seiner Karriere soll es unbedingt mit dem Titel klappen.

„Wir sind auf einer Mission“, sagte Robben vor dem Viertelfinale am Samstag (22.00 Uhr MESZ) in Salvador. „Du kommst nicht zu einer WM, um das Wetter und den Strand von Rio zu genießen. Du hoffst, Spiele zu gewinnen und so weit wie möglich zu kommen.“ Der Hoffnungsträger der Niederlande, für viele Experten bisher der überragende Spieler des Turniers, besticht dabei nicht nur durch seine spielerischen Qualitäten, sondern auch durch mentale Stärke.

Kaum ein anderer Spieler machte in den vergangenen Jahren einen derartigen Imagewandel durch wie der 30-jährige Niederländer. Es ist noch nicht lange her, da galt Robben als Egoist und Loser. Zwischen 2010 und 2012 wurde er gleich mehrmals als Hauptverantwortlicher für gravierende Niederlagen seiner Teams ausgemacht.

Vor vier Jahren vergab er im WM-Finale gegen Spanien alleinstehend vor Iker Casillas einen Matchball. „Diesen Moment werde ich nie vergessen“, sagte Robben. Im Mai 2012 verschoss er im Champions-League-Finale gegen Chelsea ebenso einen Penalty wie einen Monat zuvor im vorentscheidenden Meisterschaftsduell der Bayern mit Borussia Dortmund.

Doch unterkriegen lassen hat er sich davon nicht. Robben wollte es allen zeigen. Den Kritikern, die ihm das Label Weltklasse absprachen. Den Teamkollegen, die seine oft egozentrische Spielweise kritisch beäugten. Und den Bayern-Fans, die ihn wegen seines verschossenen Elfers im CL-Finale im eigenen Stadion gnadenlos auspfiffen. Es hatte etwas von Robben gegen den Rest der Welt - mit dem Niederländer als Gewinner.

Seit Monaten wird Robben mit Lob überhäuft - in seiner Heimat, in Deutschland und nun bei der WM in Brasilien. Der „Ferrari in Fußballschuhen“ (ARD-Experte Mehmet Scholl) hat bei dem Turnier bisher drei Treffer erzielt und die gegnerischen Abwehrreihen mit seinen unwiderstehlichen Dribblings terrorisiert. Im Konterspiel der „Elftal“ ist Robben das zentrale Element. Meist ist er mit Ball schneller als die Gegenspieler ohne. Gegen Spanien soll er bei seinem Solo vor dem 5:1 mit 37 km/h über den Platz gesprintet sein - Usain Bolts Topwert liegt bei 44 km/h.

Die Bodenhaftung hat der 79-fache Internationale dennoch nicht verloren. „Ich mag Worte wie ‚Superstar‘ und ‚Weltstar‘ nicht, die passen nicht zu mir. Ich bin ein Fußballer, der ganz gut mit dem Ball umgehen kann“, sagte Robben jüngst gegenüber der holländischen Zeitung „Algemeen Dagblad“. Auffallend ist, dass er seit einigen Monaten vor allem in wichtigen Partien ein ums andere Mal Topleistungen abzurufen vermag.

Zum Wendepunkt seiner Karriere wurde das Champions-League-Finale 2013 gegen Dortmund, in dem er an der Seite von ÖFB-Star David Alaba kurz vor Schluss nach einigen vergebenen Chancen den Siegestreffer für die Bayern erzielte. Robben gibt sich seither gelöst wie nie - auf und neben dem Platz. In der vergangenen Saison war er für Bayern in 45 Pflichtspielen an 38 Treffern als Torschütze oder Vorbereiter beteiligt.

Den wichtigsten Titel auf Club-Ebene hat er mit einem Jahr Verzögerung errungen, nun soll es der bedeutendste im Fußball überhaupt sein. Die Erinnerungen an seine vergebene Großchance vor vier Jahren im Finale in Johannesburg führten bei Robben zu keiner mentalen Blockade, vielmehr treiben sie ihn unentwegt an.

Dass ihn alle schon als einen der besten Spieler der WM feiern, lässt Robben kalt. „Um ehrlich zu sein interessieren mich Einzelehrungen nicht besonders“, sagte der bisher zweimal zum „Man of the Match“ gewählte Oranje-Star. „Es geht um das große Ganze. Wir sind noch nicht fertig.“ Erst, wenn er am 13. Juli im Maracana den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro stemmen kann, ist Robbens Mission erfolgreich beendet.