Politik stellt Weichen für Zukunft der deutschen Lebensversicherung
Berlin (APA/dpa) - Es geht um die Altersvorsorge von Millionen Menschen in Deutschland: Viele Lebensversicherer dort haben wegen der niedrig...
Berlin (APA/dpa) - Es geht um die Altersvorsorge von Millionen Menschen in Deutschland: Viele Lebensversicherer dort haben wegen der niedrigen Zinsen Probleme, ihre früheren, teils als überhöht geltenden Zusagen einzuhalten. Ein Reformgesetz soll die Branche stabilisieren - mit weitreichenden Folgen.
Die Lebensversicherer leiden unter den niedrigen Zinsen. Die Politik greift der Branche unter die Arme - auch, um langfristige Ansprüche aller Versicherungsnehmer zu sichern. Das geht allerdings zulasten von Kunden. Änderungen gibt es auch für Verbraucher, die erst noch eine Lebensversicherung abschließen.
Wie steht es aktuell um die deutschen Lebensversicherer?
Die Deutsche Bundesbank kam 2013 in einem Stressszenario zu dem Befund, das bei lang anhaltenden Niedrigzinsen ein großes Gefährdungspotenzial bestehe und bis zum Jahr 2023 mehr als ein Drittel der Versicherer nicht mehr die Kapitalanforderungen erfüllen dürfte. Betroffen wären damit 32 Unternehmen in Deutschland mit einem Beitragsanteil von 43 Prozent - bezogen auf das Jahr 2012. Durch die Reform dürfte die Zahl der Bundesbank zufolge nun sinken. Allerdings wird die Lebensversicherung als Altersvorsorge-Produkt immer weniger attraktiv - was wiederum zur Folge hat, dass die Branche weniger Beitragseinnahmen durch neue Verträge verbuchen kann. Ein weiter sinkender „Garantiezins“ könnte den Trend beschleunigen.
Wo liegt das Problem?
Versicherer haben Kundengelder insbesondere in Staatsanleihen angelegt. 2013 sank die Rendite öffentlicher Anleihen des Bundes auf im Schnitt 1,6 Prozent. Gleichzeitig bleiben aber die Verpflichtungen der Versicherer zur Bedienung der Alt-Verträge hoch, denn der Garantiezins aller Unternehmen beträgt im Schnitt 3,2 Prozent. Aktuell liegen die durchschnittlichen Kapitalerträge noch über diesem Niveau, aber die Ertragskraft sinkt bei anhaltend niedrigen Zinsen. Daher hatte auch der Internationale Währungsfonds (IWF) jüngst neue Regeln angemahnt - vor allem bei den sogenannten Bewertungsreserven.
Was versteht man unter Bewertungsreserven?
Diese stillen Reserven speisen sich aus Kursgewinnen etwa von Wertpapieren, aber auch von Immobilien. Sie sind in der Bilanz ausgewiesen, stehen also „in den Büchern“. Buchgewinne kommen zustande, wenn der Marktwert der gehaltenen Papiere steigt. Aktuell geht es um festverzinsliche Anleihen. Deren Buchwerte sind derzeit besonders hoch, weil hoch verzinste Papiere, die Unternehmen vor Jahren erworben haben, wegen der Niedrigzinsen inzwischen deutlich im Kurs gestiegen sind.
Was geschieht mit diesen Reserven?
Kunden, deren Vertrag regulär ausläuft oder die ihre Polizze vorzeitig kündigen, erhalten bisher die Hälfte der Bewertungsreserven, die auf ihre Lebensversicherung entfallen. Die Versicherer müssen nun immer mehr der hochprozentigen Papiere verkaufen, um diese Kunden an den üppigen Reserven zu beteiligen. Diese können sich zwar über hohe Renditen freuen - allerdings zum Schaden der großen Mehrheit der anderen Versicherten, deren Verträge weiterlaufen.
Wie soll sich das ändern?
Die Reform soll für eine „gerechtere Beteiligung der Gesamtheit der Versicherten“ an den Bewertungsreserven festverzinslicher Wertpapiere sorgen. Hier kommt der „Sicherungsbedarf“ ins Spiel. Den müssen Versicherer vorhalten, um alle Garantien erfüllen zu können. Künftig soll die Beteiligung an den entsprechenden Bewertungsreserven auf denjenigen Teil begrenzt werden, der den „Sicherungsbedarf“ übersteigt. Kunden, deren Verträge demnächst auslaufen oder die ihre Polizzen vorzeitig kündigen, müssen sich auf Einbußen einstellen. Da sich die Konditionen und Versicherungssummen unterscheiden, lassen sich die Folgen kaum beziffern. Wie viele Kunden betroffen sind, ist ebenfalls nicht abzuschätzen, bei steigenden Kapitalmarktzinsen soll die Begrenzung wieder entfallen.
Und was bedeutet ein niedrigerer Garantiezins?
In der Vergangenheit haben Lebensversicherer mit hohen Garantiezinsen geworben. Oft erwirtschafteten sie sogar mehr. Doch die goldenen Zeiten sind längst vorbei. Der Garantiezins - exakt eigentlich Höchstrechnungszins - ist im Sinkflug. Nun soll er zum 1. Jännerr 2015 erneut gedrückt werden - von 1,75 auf 1,25 Prozent für neue Verträge. Das ist die Obergrenze dessen, was Unternehmen den Kunden maximal zusagen können. Das würde der Branche etwas Luft verschaffen, die Lebensversicherung als Anlage aber noch weniger attraktiv machen. Für Bestandskunden ändert sich nichts. Der Garantiezins bestimmt allerdings nur einen Teil der Leistungen. Hinzu kommt die Überschussbeteiligung. Zum Ende der Laufzeit zahlen die Assekuranzen noch einen Schlussüberschuss sowie bisher die Beteiligung an den Bewertungsreserven.
Welche Änderungen gibt es noch?
Versicherer müssen ihre Kosten transparenter machen. Die zunächst geplante Regelung für eine zusätzliche Mitteilung der Provisionshöhe des Vermittlers wurde allerdings wieder gestrichen. Statt konkreter Provisionen sollen wie bei Riester-Produkten künftig die Gesamtvertriebskosten offen gelegt werden. Die Aufsicht kann ein Verbot von Dividendenzahlungen an Aktionäre verhängen. Die Sperre wird fällig, wenn eine Garantieleistung gefährdet ist.
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