Haggs „1914“ in Reichenau uraufgeführt: Paraderolle für de Nardo
Reichenau (APA) - 1914 und kein Ende: Bei den Festspielen Reichenau ist Nicolaus Haggs Auftragswerk „1914 - Zwei Wege in den Untergang“ am F...
Reichenau (APA) - 1914 und kein Ende: Bei den Festspielen Reichenau ist Nicolaus Haggs Auftragswerk „1914 - Zwei Wege in den Untergang“ am Freitagabend zur Uraufführung gelangt. Michael Gampe hat das Stück im Neuen Spielraum inszeniert, Marcello de Nardo kann in der Paraderolle des serbischen Geheimbündlers Apis punkten. Der vorliegende Bericht bezieht sich auf die Hauptprobe vom Donnerstag.
Es beginnt mit Geschützdonner und endet mit den Schüssen des Attentats in Sarajevo. Die akustische Komponente umrahmt ein Stück, bei dem man ohnehin über weite Strecken vermeint, einem illustrierten Hörspiel beizuwohnen. Zwei Handlungsstränge bestimmen den Verlauf: Einerseits die Vorbereitung des Attentats durch Apis, den finsteren Chef der Schwarzen Hand, und seinen Adjutanten (Tobias Voigt) in Serbien, andererseits die Situation am Wiener Hof. Dort kommen allerdings weder Kaiser noch Thronfolger vor, sondern nur ein fürstlicher Oberhofmeister (Rudolf Melichar), der ausreichende Sicherheitsvorkehrungen für das Thronfolgerpaar aus Standesgründen torpediert, die Stiefmutter Franz Ferdinands (Gertrud Roll) und Feldmarschall Hötzendorf (Peter Moucka).
Stefan Gorski (hervorragend als Gavrilo Princip), Florian Graf und Alexander Hoffelner verkörpern drei junge Männer auf der Suche nach ihrer Identität und der Entscheidung zwischen privatem Glück und politischem Märtyrertum. Ebenso simpel wie funktionell ist die flügelaltarmäßige Bühnenbildlösung von Peter Loidolt: Zugeklappt erscheint eine Mauer, auf der das Symbol der schwarzen Hand prangt, aufgeklappt wird der Schauplatzwechsel ins imperiale Wien imaginiert. Der Soundtrack (Kyrre Kvam) hört sich mitunter eher nach Musical an. Doch dazu eignet sich der Stoff denn doch nicht allzu sehr.
„Muss das denn sein?“ Hagg selbst stellt die Suggestivfrage im Programmheft und bekennt sich zur dramatischen Spekulation, zur erfundenen Wahrheit über das Dokumentarische hinaus. Die eigentlich relevante Brisanz liegt im Umstand, dass dem Attentäter Princip, dessen Denkmal vor wenigen Tagen in Sarajevo enthüllt wurde, nun auch ein empathisches literarisches Denkmal gesetzt wurde. Das scheint allemal ein versöhnlicheres Verdienst als philharmonisches Abspielen von Hymnen.
(S E R V I C E - Festspiele Reichenau: Nicolaus Hagg, „1914 - Zwei Wege in den Untergang“. Regie: Michael Gampe. Mit Marcello de Nardo, Tobias Voigt, Rudolf Melichar, Gertrud Roll, Stefan Gorski. Vorstellungen im Neuen Spielraum bis 2. August. Information und Restkarten: Tel. 02666/52528, www.festspiele-reichenau.com)
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