Jüdische Kindertransporte in NS-Zeit: Überleben im Schrecken 1
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Wien (APA) - Die Überlebenden konnten nie mehr loswerden, was sie durch die NS-Diktatur erlitten hatten: Jüdische Kinder und Jugendliche, denen das Nazi-Regime Kindheit, Familie und Heimat raubte: Mit dem Thema „Jüdische Kindheit und Jugend ab 1900“ befasste sich Ende der Woche (2. bis 4. Juli) die 24. Internationale Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs in Wien.
„Ende der Kindheit?“ lautete das Generalmotto der Veranstaltung an der WU-Wien, in der es Berichte von Zeitzeugen samt zeithistorischer Aufarbeitung gab. Ein bisher offenbar nicht voll beleuchteter Aspekt der Lebensgeschichte von Kindern und Jugendlichen aus jüdischen Familien: die Kindertransporte, mit denen aus dem Dritten Reich zwischen 1938 und 1940 eine extreme Minderheit ihrer Generation ohne Familie vor allem nach Großbritannien, zu einem Teil auch nach Skandinavien, kam und zum größten Teil überlebte.
Zeithistoriker Wolfgang Gasser von dem in St. Pölten angesiedelten Institut stellte am Freitag die nackten Fakten dar: „Ab Dezember 1938 wurden rund 10.000 Kinder - vom Kleinkindesalter bis 17 Jahren aus dem Deutschen Reich, davon 2.800 aus Österreich, nach Großbritannien gebracht. Nicht berücksichtigt in der Zahl sind Kinder, die ohne Familie nach Skandinavien kamen oder nach Israel flüchteten.
Während die meisten der Erwachsenengeneration - Eltern und Großeltern, ältere Geschwister - entweder keine Chance hatten, dem Nazi-Terror mit dem heraufdämmernden Holocaust zu entkommen oder den Schritt zur eventuell möglichen Emigration scheuten, brachten die Transporte jenen Kindern, die auf diese Weise ins Ausland kamen, den Erhalt der nackten Existenz. - Beraubt der Eltern, der Familie, der Kindheit, der Heimat.
Otto Deutsch, einer jener Wiener aus jüdischer Familie, die 1939 mit einem der Transporte nach Großbritannien kamen, schilderte in einer Video-Aufzeichnung: „Ich war im Zug am Westbahnhof. Er fuhr ab. Meine Mutter war wie am Boden festgefroren, unterdrückte die Tränen. Meine Schwester, ein wunderschönes Mädchen, war etwas im Gehen behindert. Aber sie lief neben dem Zug her und rief: ‚Nächste Woche, nächste Woche.‘. Das waren die letzen Worte die ich von ihr und meiner Familie gehört habe.“
Im Rahmen eines Projektes des „Sparkling Science“-Programms des Wissenschaftsministeriums haben Schüler von Gymnasien im Rahmen ihrer vorwissenschaftlichen Arbeit solche Dokumente ausgewertet. Der St. Pöltener Maturant Fabio Alfery: „Abfahrt und Zugfahrt bedeuteten, dass die betroffenen Kinder ein Wechselbad der Gefühle erlebten. Bei der Abfahrt war der Großteil traurig, eine kleine Gruppe aber auch neugierig.“
In Richtung Großbritannien wurde der Grenzübergang in die Niederlande zur sprichwörtlichen Wasserscheide. So erzählte Deutsch in dem präsentierten Video-Dokument: „Der vordere Teil des Zugs war schon auf holländischer Seite, unsere Waggons noch auf deutscher. Wie oft wurden unsere Pässe wieder und wieder kontrolliert. Eine von unserer Gruppe wurden aus dem Zug gebracht, weil etwas nicht stimmen sollte. Schließlich setzte sich der Zug doch noch in Bewegung.“ Die Stimmung schlug um: „Die Nazis waren raus, wir waren raus. Alle schrien, alle lachten.“
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