Jüdische Kindertransporte 2 - Mehrfache Traumatisierung
Wien (APA) - Auf einem Foto, das bei der Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs gezeigt wurde, sieht man eine Grup...
Wien (APA) - Auf einem Foto, das bei der Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs gezeigt wurde, sieht man eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die am 2. Februar 1939 in London gerade aus dem Zug gestiegen sind: zumeist zehn, zwölf Jahre alt, einige wenige als bereits Herangewachsene aus der Schar herausragend, ohne Gepäck, offenbar mit Namensschildern um den Hals.
Eines bestätigen alle Zeitdokumente: Das NS-Regime raubte allen Nachkommen jüdischer Familien mit einem Schlag die Kindheit, den Anspruch auf eine Existenz in Geborgenheit. „Es ist furchtbar für ein zwölfjähriges Kind, an alles selbst denken zu müssen: Wie lange reichen die Marken? (...) Wann muss ich wieder Wäsche waschen? Usw. Manchmal muss ich denken: ‚Es geht nicht mehr, ich bin ja nur ein Kind.“ - Diese Sätze schrieb Daisy Koeb am 15. Mai 1939 in einem Brief an einen Verwandten. Sie war kurz zuvor mit einem von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien organisierten Kindertransport nach Schweden gekommen und in einem Kinder-Flüchtlingsheim in Göteborg untergebracht worden.
IKG, Jugendalijah (diese jüdische Organisation war vor allem in der Vorbereitung Jugendlicher für ein Leben in Palästina bzw. dort im Kibbuz aktiv; Anm.), Schwedische Israelmission, Nansen-Hilfe und andere Organisationen organisierten die Transporte nach Norwegen, Dänemark und Schweden bzw. kümmerten sich zusammen mit engagierten Privatleuten in Skandinavien um die aus dem Dritten Reich geretteten Kinder. Die staatlichen Einrichtungen der skandinavischen Länder waren deutlich weniger engagiert: Sie bevorzugten „Trans-Emigranten“, die in andere Staaten weiter auswanderten. Die lokalen privaten Organisationen mussten für den Unterhalt der Kinder und Jugendlichen garantieren und sorgen. Zum Teil befürchteten die Regierungen der Aufnahmeländer auch antisemitische Aktionen der Bevölkerung.
Auf der anderen Seite blieben die jüdischen Kinder und Jugendlichen auch in Skandinavien extremen Belastungen ausgesetzt: Sie kamen in eine völlig ungewohnte, fremde Umgebung. Pflegefamilien waren zumeist nicht-jüdisch. Ungewohntes Leben und das Arbeiten auf Bauernhöfen, Sprache, Essen, Abreißen des Kontakts mit der zurückgebliebenen eigenen Familie und viele andere Faktoren bedeuteten eine mehrfache Traumatisierung.
Das konnte bis zur völligen Erinnerungsblockade führen. „Ich habe mich nach ein bis zwei Jahren an überhaupt nichts mehr erinnern können. Ich vergaß mein Deutsch. Ich konnte mich nicht einmal an das Gesicht meines Vaters erinnern“, hat der 1931 in Wien geborene Eddie Arad in einem Video-Dokument geschildert, der über Großbritannien schließlich nach Israel kam, wo er im Laufe seines weiteren Lebens wieder Opfer von Tragödien wurde. Beide Söhne starben im Militärdienst.
Der Gipfelpunkt des Schreckens der Nazi-Herrschaft für manche Angehörige der Kindertransporte aus dem Dritten Reich nach Skandinavien: Sie wurden dort vom Nazi-Terror eingeholt. Ab 9. April 1940 besetzte die Deutsche Wehrmacht Norwegen, 1942 startete dort eine „Judenaktion“. Nur ein Teil der jüdischen Kinder und Jugendlichen konnte nach Schweden flüchten. Jene, die gefasst wurden, kamen zum Großteil nach Auschwitz-Birkenau und wurden sofort nach Ankunft in den Gaskammern ermordet. Im August 1943 starteten die deutschen Besatzer in Dänemark ihre Aktivitäten, um das Land „judenfrei“ zu bekommen. Rund 7.000 Betroffene konnten in einer abenteuerlichen Bootsaktion nach Schweden gebracht werden. Darunter befanden sich auch die meisten der Angehörigen der Kindertransporte.
Doch die Traumatisierung der Betroffenen hörte mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht auf: Das Erfahren der Tötung der eigenen Familie während der Abwesenheit und in anderen Fällen die persönliche Entfremdung und räumliche Trennung überlebender, versprengter Familienangehöriger bedeuteten für den Rest des Lebens eine kaum erträgliche Belastung. Randexistenz als „Displaced Person“, Rückkehr in eine nicht mehr existierende Heimat oder weitere Emigration vielleicht ins erst recht unbekannte Israel - das waren die Bedingungen, mit denen die in der Zeit des Holocaust Herangewachsenen im neuen Frieden konfrontiert waren. Die psychischen und physischen Konsequenzen belasten auch deren Nachkommen vielfach noch heute.
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