Avignon: Nach Streik viel Jubel um verspätete Kleist-Premiere

Avignon (APA/dpa/AFP) - Nackte Männer und ein Prinz, der wild auf einem riesigen Pferd gegen die Schweden reitet. Dazwischen Artilleriefeuer...

Avignon (APA/dpa/AFP) - Nackte Männer und ein Prinz, der wild auf einem riesigen Pferd gegen die Schweden reitet. Dazwischen Artilleriefeuer, das zu Videokunst wird. Der italienische Ausnahmeregisseur Giorgio Barberio Corsetti hat das Kleist-Stück „Der Prinz Friedrich von Homburg“ ein Liebes- und Kriegsdrama voller Ästhetik und Poetik verwandelt. Das Premiere-Publikum in Avignon war am Samstag begeistert.

Heinrich von Kleist hatte das Drama um den titelgebenden preußischen Reitergeneral Prinz Friedrich von Homburg, der wegen Befehlsverweigerung zum Tode verurteilt wird, um 1809/1810 verfasst. Die Darstellung des Stücks gilt inhaltlich und gestalterisch als schwierig. Die Neuinszenierung des 1951 geborenen Italieners, der zu den erfolgreichsten Regisseuren seines Landes gehört, kam bei den knapp 2.000 Zuschauern in Avignon offensichtlich gut an. Sie feierten die Aufführung im Ehrenhof des Papstpalasts mit anhaltendem Applaus und Bravo-Rufen.

Corsetti, der gerne experimentiert und neue Wege beschreitet, ist dem Kleist-Stoff hier erstaunlich treu geblieben. Er besinnt sich auf Text und Zeitkolorit, spielt jedoch mit Ton, Bewegung und Video. Kunstvoll wirft er auf die Riesenfassade des Papstpalasts Grafiken, die wie Blutlachen über die Steinmauer rinnen. Besonders spektakulär wirkt der wilde Ritt des Prinzen auf einem weißen Pferd in der Schlacht gegen die Schweden: eine animierte Videozeichnung auf der Fassade, aus deren Fensteröffnungen brennende Fackeln geworfen wurden.

Das mehr als zweistündige Stück, in dem es um Krieg, Liebesirrsinn und Unterwerfung geht, trägt die Handschrift Corsettis, dessen Arbeit sich durch große poetische Ästhetik auszeichnet. Der Ton seines Stils wird bereits am Anfang gegeben, als er den schlafwandlerischen Prinzen in seinem Traum mit fünf nackten Männern mit Lorbeerkranz tanzen lässt.

Eigentlich hätte das Stück bereits am Vortag das bis zum 27. Juli dauernde Festival eröffnen sollen. Wegen eines Streiks der Bühnentechniker und Künstler musste es jedoch abgesagt werden. Die Situation bleibt gespannt. Festival-Leiter Olivier Py hat betont, die Anliegen der „intermittents“ genannten Kulturarbeiter zu unterstützen und ihr Streikrecht zu respektieren, das Festival, bei dem neben dem offiziellen Programm auch über 1.300 Vorstellungen im Off-Bereich angeboten werden, aber keinesfalls wie 2003 absagen zu wollen.

(S E R V I C E - http://www.festival-avignon.com )