Entgeltliche Einschaltung

Normalzustand am Wörthersee

Warum die mediale Kritik am diesjährigen Bachmann-Preis ein gutes Zeichen ist.

  • Artikel
  • Diskussion
© pmk

Klagenfurt –Ist es jetzt der Sieg des Witzes oder ein Witz von einem Sieger? Ein ebenso wohltuender wie zukunftsweisender Bruch mit dem vorgestrigen Literatur-Scharfgericht am Wörthersee oder der hilflose Ausdruck umsichgreifender Orientierungslosigkeit?

Entgeltliche Einschaltung

Fakt jedenfalls ist, dass der Bachmann-Preis für Tex Rubinowitz’ Text „Wir waren niemals hier“ für einiges Rauschen im deutschsprachigen Blätterwald sorgt. Stefan Gmünder sprach im Standard von einem „sympathischen, aber falschen“ Jury-Entscheid, Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten gar von einer „Verächtlichmachung der Preisidee“ und für Presse-Kommentator Harald Klauhs läuft der Bachmannpreis jetzt Gefahr, „wegen literarischer Belanglosigkeit sanft zu entschlafen“. In der Neuen Zürcher Zeitung ortete Roman Bucheli eine „Jury auf Formsuche“ und Sandra Kegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung) fühlte sich nach drei Tagen des Zuhörens an „einen Volkshochschulkurs für kreatives Schreiben“ erinnert.

Es war also nicht nur der Siegertext, der Beobachterinnen und Beobachter der Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur etwas ratlos zurückließ, sondern der Wettbewerb als Ganzes. Ein Jahrgang, der so schwach sei „wie die sauren Weine von 2010“, urteilte Sandra Kegel. Und auch Die Welt stimmt ins Klagelied ein: „‚Überins­trumentiert‘, ‚zu gewollt‘ oder auch ‚prätentiös‘ waren häufige Diagnosen beim Bachmann-Wettbewerb 2014.“ Was das ganze Gemotze – abseits von durchaus berechtigten Einwänden über die Qualität der für preiswürdig erachteten Texte – bedeutet: Die Normalität ist an den Wörthersee zurückgekehrt.

Genauso wie bei der Vergabe des Literaturnobelpreises oder anderer gut dotierter Literaturauszeichnungen, gehört das Schimpfen über den Bachmannpreis zum guten Ton: Die Jury-Urteile seien wahlweise zu scharf oder zu vage, die Juroren entweder selbstverliebte Gockel oder graue Mäuschen, die Texte mal besorgniserregend unpolitisch, weltfremd, zeitgeistig, oder eben plump politisch bzw. schlicht auf einen erhofften Effekt hin gestrickt. Selbst wenn die Preisentscheidungen einhellig begrüßt wurden – bei Sibylle Lewitscharoff (1998) zum Beispiel, bei Terézia Mora (1999), Georg Klein (2000) oder zuletzt Olga Martynova (2012) – bot das unzeitgemäße Ritual des Wettlesens selbst genug Munition für einen süffisanten Abgesang. Der frischgekürte Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz hat 2010 unter dem Titel „Tage der reitenden Leichenwäscher“ selbst ein augenzwinkerndes Beispiel dieser Gattung vorgelegt.

TT-ePaper 4 Wochen gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, ohne automatische Verlängerung

Einzig im vergangenen Jahr blieb die Wehklage aus. Und das hat weniger mit den fraglos starken Auftritten eines fraglos starken Jahrgangs um Siegerin Katja Petrowskaja zu tun, sondern vorrangig damit, dass die drohende Einstellung der Veranstaltung im Rahmen der ORF-Sparmaßnahmen ungleich empörtere Weltuntergangsszenarien ermöglichte. (jole)


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung