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1914/2014 - Der Kaiser und der Krieg: Wie schuldig ist Wilhelm II.?

Berlin (APA/dpa) - Mit seiner martialischen Pickelhaube, dem überkandidelten Schnurrbart und den Prunk-Uniformen wirkt Wilhelm II. auf heuti...

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Berlin (APA/dpa) - Mit seiner martialischen Pickelhaube, dem überkandidelten Schnurrbart und den Prunk-Uniformen wirkt Wilhelm II. auf heutige Betrachter wie eine Witzfigur. Doch während seiner Regierungszeit war der deutsche Kaiser der meistfotografierte und meistgefilmte Mensch der Welt - und ohne Zweifel eine der mächtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Welche Verantwortung trug er für den Ersten Weltkrieg?

Die Meinungen gehen weit auseinander. Der britische Historiker John C.G. Röhl, der dem Kaiser eine dreibändige Biografie von insgesamt 4000 Seiten gewidmet hat, kommt am Ende zu dem Schluss, den Kaiser treffe „schwere Schuld - vielleicht die schwerste überhaupt“.

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Der deutsche Historiker Wolfgang J. Mommsen reagierte auf Röhl mit dem Buch „War der Kaiser an allem schuld?“ Seine Antwort: „Der Kaiser war nicht an allem schuld. Im Gegenteil, die Führungsschichten, die die Monarchie für ihre politischen und gesellschaftlichen Interessen instrumentalisierten, waren in weit höherem Maße für die Entscheidungen verantwortlich, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten.“ Der britische Historiker Christopher Clark wiederum verteilt die Verantwortung in seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ auf noch mehr Schultern: Demnach haben sich auch führende Politiker anderer Länder grob fahrlässig verhalten.

Wenn man einmal die nackten Fakten betrachtet, muss man Wilhelm in jedem Fall zugestehen, dass er den Krieg nicht uneingeschränkt gewollt hat. Mindestens zweimal schreckte er zurück und versuchte, die bereits angelaufene Kriegsmaschinerie zu stoppen.

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Der erste Moment kam, als das Königreich Serbien unerwartet entgegenkommend auf ein harsches Ultimatum Österreich-Ungarns reagierte. Wilhelm erklärte daraufhin am 27. Juli, dass nunmehr „jeder Grund zum Kriege“ entfallen sei. Konsterniert stellte Kriegsminister Erich von Falkenhayn fest, dass der Kaiser „den Krieg jetzt nicht mehr will und entschlossen ist, um diesen Preis selbst Österreich sitzen zu lassen“.

Sein eigener Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg hintertrieb jedoch die Friedensbemühungen, indem er Wilhelms Reaktion nur stark verstümmelt an Österreich weiterleitete. Wilhelms tatsächliche Meinung - Österreich darf jetzt keinen Krieg beginnen - kam in Wien nie an. Christopher Clark folgert: „Wenn Wilhelm über die Machtfülle verfügt hätte, die ihm gelegentlich zugesprochen wird, hätte sein Eingreifen hier durchaus den Gang der Weltgeschichte beeinflussen können.“ Das tat es aber nicht - am nächsten Tag erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Wilhelm unternahm noch einen weiteren Anlauf, um die Katastrophe in letzter Minute abzuwenden: Am 1. August befahl er nach ermutigenden Nachrichten aus London, die Armee kurz vor der Überschreitung der luxemburgischen Grenze anzuhalten - trotz schärfster Proteste des Generalstabschefs Helmuth von Moltke. Erst als sich die Informationen als falsch erwiesen, gab Wilhelm dem Druck der Militärs wieder nach und sagte zu Moltke: „Nun können Sie machen, was Sie wollen.“

Nach Kriegsbeginn wurde der Kaiser von den Generälen erstaunlich schnell entmachtet. Im November 1914 klagte er: „Der Generalstab sagt mir gar nichts und fragt mich auch nicht. Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich das Heer führe, so irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und gehe spazieren, und dann erfahre ich von Zeit zu Zeit, das und das ist gemacht, ganz wie es den Herren beliebt.“ Am Ende standen die erzwungene Abdankung und ein langes Exil in den Niederlanden.


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