Die Amme aus dem Internet

Muttermilch als Geldquelle: In den USA und nun auch in Deutschland boomt der Onlinehandel. Kritiker warnen vor Infektionsrisiken. Nicht alle Experten sind so alarmiert.

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© iStock/Petr

Von Elke Ruß

Innsbruck –„Verkaufe 30 x 180 ml Muttermilch, Nicht­raucher, kein Alkohol“, lautet so ein Inserat. Es gibt aber auch „Muttermilch von 2-fach-Mama ,Krankenschwester‘“ oder „Gesunde und frische Muttermilch von Sportwissenschaftlerin“. Dutzende Angebote wie diese prangen auf dem privaten Online-Portal muttermilchboerse.de, das eine Hamburger Mutter vor Kurzem gegründet hat. „Hier kannst du einfach und lokal Muttermilch kaufen, verkaufen oder verschenken“, liest man auf der Startseite.

Milch von einer Frau für das Baby einer anderen: Was als Ammenwesen schon in der Antike gang und gäbe war, nimmt im 21. Jahrhundert neue Formen an. In den USA bieten Portale wie Eats­onfeets.com die begehrte Säuglingsnahrung zum Kauf an. Wie es heißt, würden sich junge Mütter damit oft deutlich mehr als ein Körberlgeld verdienen.

Auch an der deutschen Börse gibt es nur wenig geschenkt: Die Anbieterinnen verlangen für 100 Milliliter Muttermilch bis zu 8 Euro und rechtfertigen dies tendenziell mit speziellen Vorzügen wie ihrem Gesundheitsbewusstsein, ihrer Fitness und selbst dem Bildungsgrad. Sogar laktosefreie Muttermilch steht zum Verkauf.

Die Aufregung ist groß. Kritiker warnen insbesondere vor unkalkulierbaren Hygiene- und Krankheitsrisiken, wie der Übertragung von Bakterien, HIV oder Hepatitis. Teils würden sich sogar Süchtige mit dem Milchhandel ihre Drogen finanzieren.

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Milch & Verkauf

Vorteile: Die Muttermilch ist „die adäquate Ernährung der Spezies“, betont Klinik-Expertin Daniela Karall. Sie verweist auf immunologische Aspekte durch die „Schulung des Immunsystems und den Schutz vor Krankheiten“. Muttermilch kann das Kind dank der enthaltenen Enzyme auch leichter verdauen.

Kaufen in Österreich: In Wien betreibt die Semmelweisklinik eine Muttermilchbank. Sie wird von Spenderinnen abgeholt, untersucht und pasteurisiert. Auf ärztliche Verordnung kann sie um 7,28 Euro/Liter für Frühgeborene und Säuglinge mit Allergien oder geschwächtem Immunsystem bezogen werden.

Klinik: In Innsbruck gibt es eine klinik-interne Muttermilchbank zur Versorgung von Frühgeborenen auf der Basis gespendeter Milch. Ähnliche Einrichtungen haben z. B. auch LKH Salzburg und MedUni Graz.

In Österreich gibt es derzeit nur eine kommerzielle Muttermilchbank an der Wiener Semmelweisklinik. Diese organisiert sterilisierte Flaschen und einen Abholdienst für Überschussmilch von Spenderinnen. Die Milch wird untersucht und pasteurisiert und dann primär zur Versorgung von Frühchen im Spital herangezogen. Mit ärztlicher Verordnung können sie aber auch „externe“ Mütter, etwa zur Versorgung von Säuglingen mit Allergien, kaufen (siehe Kasten).

In Tirol hat die Innsbrucker Klinik eine „klinik-interne Muttermilchbörse“, berichtet Daniela Karall auf Anfrage der TT. Wie die Still-Expertin und Stoffwechselspezialistin an der Kinderklinik erklärt, spenden Mütter, die an der Klinik entbinden, überschüssige Milch zur Versorgung von Frühgeborenen. Diese Milch werde auf HIV und Hepatitis getestet, außerdem müsse die Mutter des empfangenden Kindes mit der Gabe einverstanden sein. Für die Spenderinnen, die zuhause weiter ihre Milch sammeln und tief gefroren bzw. pasteurisiert an die Klinik bringen, sei dies „kein Geschäft“, versichert Karall. „Sie bekommen nicht einmal Spesen ersetzt.“

Eine externe Abgabe der Milchbankvorräte erfolge nur „ausnahmsweise“. Derzeit werde z. B. das Kind einer jungen Frau versorgt, „die nach einer Brustkrebserkrankung nicht stillen kann“.

Verkäufe von privat zu privat über Online-Portale wären „ein richtiges Ammenwesen“, sagt die Expertin. Auch dabei schlägt sie nicht hoch alarmiert die Hände über dem Kopf zusammen: „In den allermeisten Fällen ist kein großes Risiko dabei.“ Karall wertet den Trend als Verknüpfung von moderner Kommunikationstechnik und altem Wissen – und erkennt darin sogar ein ausdrücklich positives Signal: „Es rückt wieder stärker ins Bewusstsein, welche Bedeutung die Muttermilch hat.“

Zu bedenken sei bei dem Handel aber erstens eine „ethische Überlegung: Wird die Milch für so ein Geschäft einem Kind vorenthalten?“ Zweitens gebe es die infektiologische Seite: „Von privat zu privat kann man die Milch nicht kontrollieren.“ Käuferinnen könnten nur bei regelmäßigem Bezug von einer Anbieterin überlegen, deren Milch auf eigene Kosten einmal testen zu lassen. Das Risiko einer Krankheitsübertragung sei „in unseren Breiten nicht so gefährlich“. Es sei aber auch nicht ganz auszuschließen, dass eine Spenderin Hepatitisträgerin oder HIV-positiv sei.

Im Allgemeinen werde das Risiko gering sein, „wenn man die normale Hygiene beachtet“, meint Karall. In der Auf­be­wahrung gelte „dasselbe wie für reife Muttermilch: Man kann sie 24 Stunden im Kühlschrank oder acht Stunden bei Raumtemperatur aufheben. Wenn man sie tieffriert, ist sie sechs Monate haltbar.“

Im Prinzip sei sie eine Befürworterin der Milchweitergabe, sagt Karall. „Aber man sollte nicht Milch aus dem Internet kaufen. Selbst wenn man den Kontakt über das Netz herstellt, sollte man sich persönlich treffen“, rät die Expertin. Schon gar nicht sollte man Muttermilch auf dem Postweg beziehen, wo man nicht wisse, wie lange bzw. unter welchen Bedingungen sie unterwegs war.


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