Ostukraine - Experte: Erfolge der Armee machen Situation gefährlicher

Lwiw (Lemberg) (APA) - Seit Monaten toben die Kämpfe zwischen Separatisten und der Armee in der Ostukraine. Das Militär meldete zahlreiche G...

Lwiw (Lemberg) (APA) - Seit Monaten toben die Kämpfe zwischen Separatisten und der Armee in der Ostukraine. Das Militär meldete zahlreiche Gebietsgewinne, nun sollen auch die letzten Hochburgen der Separatisten Donezk und Luhansk (Lugansk) fallen. Der Journalist und Dolmetscher aus Lwiw (Lemberg), Juri Durkot, warnt im Gespräch mit der APA: „Die Erfolge (der ukrainischen Armee, Anm.) machen die Situation gefährlicher.“

Der russische Präsident Wladimir Putin sei „zur Geisel der eigenen Politik geworden“. „Er kann sich nicht mehr leisten zu verlieren.“ „Die nächste Tage sind ganz, ganz kritisch.“

Die ukrainische Armee habe in den vergangenen zwei Monaten „eindeutig Erfolge“ verzeichnet und mehr als die Hälfte des von pro-russischen Separatisten gehaltenen Gebietes zurückerobert. Die militärischen Erfolge seien jedoch wie eine „Hydra“, weil auf jeden Fortschritt der Armee neue Waffenlieferungen und Kämpfer aus Russland folgten.

Der Experte spricht von einer „Spirale“, aus der Putin „nicht ohne Imageverlust wieder raus“ komme. „Putin ist entschlossen, weiterzumachen“, so Durkot. Andernfalls würde er auch in Gefahr laufen, seine „Machtstellung zu gefährden“. Trotz der Sanktionen befinde sich Russland in einem „neuimperialistischen Wahn“.

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Durkot sieht nun mehrere mögliche Möglichkeiten, wie Russland auf die Erfolge der ukrainischen Armee reagieren könnte. Einerseits könnte Putin auf den Winter setzen. Die Probleme für die ukrainische Wirtschaft nehmen zu - die Kosten des „Anti-Terror-Einsatzes“ werden mit etwa einer Milliarde US-Dollar (746,94 Mio. Euro) beziffert - viele Unternehmen im Donbass stehen still oder sind zerstört. Im Herbst soll in der Ukraine gewählt werden, die „Einheit der Elite“ könnte das gefährden. Außerdem sei eine Einigung zwischen Kiew und Moskau über den Gaspreis nicht realistisch. „Ganz ohne russisches Gas steht der Ukraine ein harter Winter bevor“, warnt Durkot, dass Putin auch auf „soziale Unruhen in der Ukraine setzen“ könnte. Auch die Zahl der Flüchtlinge aus dem Donbass wachse.

Ein andere Strategie für Russland könnte eine militärische Invasion in der Ostukraine sein. An der Grenze zur Ostukraine seien 22.000 russische Soldaten stationiert, auf der annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim 20.000. Erstere könnten schwer über lange Zeit in Kampfbereitschaft erhalten werden. Ob der Einmarsch aber tatsächlich erfolge, sei derzeit noch „Spekulation“. „Man weiß nicht, was in seinem (Putins, Anm.) Kopf vorgeht“, meint der Experte.

Eine weitere Option, auf die ukrainischen Gebietsgewinne zu reagieren, sei eine „massive Unterstützung“ der Separatisten. Es gebe „genug Freiwillige“ in Russland, die zum Kampfeinsatz bereit seien, auch aus Tschetschenien, Abchasien, Ossetien, „Fanatiker und Söldner“. Etwa 15.000 Kämpfer aus Russland würden sich mittlerweile in der Ostukraine befinden. Die russische Unterstützung für die Separatisten sei nach dem Abschuss der Passagiermaschine MH17 mit fast 300 Opfern - der auch in Moskau Schock ausgelöst habe - „nur kurz“ zurückgefahren worden. Russland könne nicht alle kämpfende Gruppen in der Ostukraine kontrollieren. Diese „haben keine gemeinsame Position. Es gibt auch Schießereien zwischen den Rebellen“.

Auch die mutmaßlichen Luftangriffe der ukrainischen Armee auf Donezk seien „schwer einzuschätzen“. „Die russische Propaganda ist unglaublich, der Propagandarausch gefährlich. Bei den ukrainischen Quellen muss man auch oft vorsichtig sein. Selbst wenn man dort (im Konfliktgebiet, Anm.) ist, hat man nicht den vollen Überblick“, erläutert Durkot.

Im Zuge der Kämpfe seien etwa 1.600 russische Rebellen gefallen - russische Medien würden allerdings geschlossen nicht über getötete Rebellen berichten. Die ukrainische Armee habe etwa 400 Todesopfer zu beklagen. Die UNO spricht von 1.100 getöteten Zivilisten, nennt Durkot Schätzungen.

Von den Gesprächen in Weißrussland erwartet sich der Experte keine „richtigen Durchbrüche“. Die Initiative geht seiner Einschätzung nach auf Weißrussland zurück. Der autoritäre weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko versuche einen Balanceakt - „Lukaschenko laviert vorsichtig hin und her“ - zwischen Russland und der Ukraine. Einerseits habe er die russische Annexion der Krim nicht akzeptiert, anderseits auch nichts dagegen gesagt. Die ukrainische Revolution mit all ihren Folgen versuche er in Weißrussland als abschreckendes Beispiel zu nutzen. Anderseits fürchte Lukaschenko, „wenn die Russen durchdrehen, dann könnte auch Weißrussland Ziel ihrer Begierde sein oder seine Position gefährden“.

Die EU-Sanktionen gegen Russland - zu denen es „keine Alternative“ gebe - würden ihre Wirkung „erst später“ zeigen. Das Problem laut Durkot sei, das sich Russland „von Anfang an auf stur gestellt“ hat. „Man kann nicht sagen, wir verhängen keine Sanktionen, weil Russland nicht reagiert.“

Gefragt, ob es nun ein Wiedererstarken des wirtschaftsliberalen Flügels im Kreml gibt, dass sich die Realpolitiker wieder mehr gegen die eurasischen Ideologen behaupten, meint der Experte: „Die Oligarchen wollen auf jeden Fall nicht von Europa isoliert sein. Sie haben aber im Moment keinen politischen Einfluss.“ Die russische Elite könne allerdings gegen die Kreml-Politik Druck ausüben. Nur die städtische Bevölkerung sei stark genug für Unmutsäußerungen, auf dem Land sei das nicht möglich. Russland könne durch gelenkte Medienberichterstattung durch die Sanktionen ausgelöste oder verstärkte (soziale) Probleme „immer auf westliche Mächte schieben“.

Auch zum Abschuss der MH17 meinten Russen in Umfragen des russischen Meinungsforschungsinstitut Levada (Lewada) mehrheitlich (zu etwa 70 Prozent), dass Ukrainer oder Amerikaner dahinter stünden. Lediglich zwei Prozent sehen Separatisten dahinter. Der Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU habe zuletzt erklärt, dass die Russen einen Aeroflot-Flug Moskau-Larnaka (Zypern) über der Ostukraine haben abschießen wollen, um den Weg für einen russischen Einmarsch in der Ostukraine freizumachen. Die Rakete sei jedoch vor dem Abschuss an die falsche Stelle geschoben worden.

(Das Gespräch führte Viola Bauer/APA)


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