Hechenberger und Baur: Almosen und Vorurteile verbannen

Mehr Akzeptanz für die Unterstützung von Bedürftigen und die Leistungsabgeltungen für die Bauern. Das wünschen sich Sozial-LR Christine Baur (Grüne) und Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger (ÖVP).

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Frau Landesrätin, was würden Sie als Landwirtschaftskammerpräsidentin sofort in Angriff nehmen?

Christine Baur: Eine gesamtheitliche Landwirtschaft. Gleichzeitig sollte das Ansehen der Bäuerinnen und Bauern mehr Gewicht erhalten. Das gilt vor allem für die Bäuerinnen. Besonders in der Landwirtschaft ist Gleichberechtigung wichtig. Und Vorurteile gegenüber den Bauern müssen durch Information beseitigt werden.

Und wenn Sie Soziallandesrat wären?

Josef Hechenberger: In der Asylfrage würde ich nicht über die Medien ausrichten, welche Gemeinde wie viele Asylwerber aufzunehmen hat. Der Dialog mit der Bevölkerung vor Ort ist notwendig, um die Akzeptanz für Asylunterkünfte zu erhöhen.

Baur: Ich weiß ganz genau, mit wem ich in den Gemeinden gesprochen habe. Politik ist Kommunikation und da kann immer etwas schiefgehen. Weil gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden und verstanden ist nicht einverstanden. In Gries am Brenner ist etwas passiert, das politisch ausgenützt wurde. Aber zu meiner Freude ist es letztlich gut ausgegangen.

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Hechenberger: Uns geht es gut, während in vielen Teilen der Welt die Menschen unterdrückt werden. Deshalb bekenne ich mich dazu, dass wir Asylwerber aufzunehmen haben. Wir müssen Bewusstsein schaffen, dass wir eine Verpflichtung zur Nächstenliebe haben. In meiner Heimatgemeinde St. Gertraudi leben 60 Asylwerber. Anfangs gab es eine heillose Aufregung, inzwischen hat es sich beruhigt.

Baur: Dass (politische) Kräfte das Asylthema für sich ausspielen könnten, bewirkt oft Verunsicherung im Umgang damit. Mir kommt vor, dass die Angst vor der FPÖ größer ist als vor AsylwerberInnen. Dieses Feld sollten wir deshalb nicht der FPÖ überlassen.

Sie wollen das Ansehen der Bauern heben. Eine „Mir-sind-mir“-Mentalität, wie von den Grünen oft kritisiert, orten Sie nicht?

Baur: Überhaupt nicht. Es gibt in allen Bevölkerungsgruppen beharrende und vorausschauende Menschen. Auch in der Agrargemeinschafts-Debatte habe ich erlebt, dass Bauern bzw. Agrarier gesagt haben, wir werden wohl in der Lage sein, höchstgerichtliche Erkenntnisse umzusetzen. Als Integrationslandesrätin, die aus der Frauenbewegung kommt, weiß ich, dass Vorurteile manchmal das Leben einfacher machen. Aber sie tragen nicht dazu bei, dass man bei unterschiedlichen Interessen oder Sichtweisen zusammenkommt.

Hechenberger: Gerade die bäuerliche Welt bringt sich aktiv in das Gemeinwesen ein. Ich verweise nur auf die Jungbauern oder die vielfältigen Aktionen der Bäuerinnen. Manchmal wird bewusst versucht, etwas hineinzuinterpretieren. Bauern heben sich nicht ab, sondern sind in der Gesellschaft integriert.

Baur: Die Bäuerinnenorganisation ist ein großes (soziales) Netzwerk, das so noch nicht wahrgenommen wird. Da gibt es Aufholbedarf, um traditionelle Rollen aufzubrechen.

Hechenberger: Ich bin stolz darauf, dass die Bäuerinnenorganisation direkt bei uns angesiedelt ist. Und ich bin der erste Präsident, der gemeinsam mit der Vizepräsidentin die Kammer nach außen vertritt. Schließlich werden mehr als 40 Prozent der Tiroler Betriebe von Frauen geführt.

Wie sieht die Verteilung von Frauen und Männern in der Vollversammlung aus?

Hechenberger: In etwa ein Drittel zu zwei Dritteln.

Baur: Und Ihr Ziel ist sicher Halbe-Halbe.

Die Bauern sind auf Leistungsabgeltungen angewiesen, finanziell Schwache auf Sozialausgaben. Trotzdem gibt es auch von bäuerlicher Seite stets Kritik am „überbordenden Sozialstaat“.

Hechenberger: Es ist die Aufgabe der öffentlichen Hand, Bedürftige zu unterstützen. Besteht jedoch der Verdacht, dass der Staat ausgenützt wird, muss man reagieren.

Baur: Für Solidarität gibt es bei den Bauern gute Beispiele, wenn ich an die Genossenschaftsidee, den Maschinenring oder die Betriebshelfer denke. Eure Sozialversicherung bekommt aber sehr viel aus dem Steuertopf. Deshalb sollte man mit Kritik am Sozialstaat vorsichtig sein.

Hechenberger: Ich habe nur den Missbrauch kritisiert.

Baur: Egal, ob beim Finanzamt oder bei der Mindestsicherung: Missbrauch passiert und ist überall gleich groß.

Hechenberger: Aber Sie wissen schon, wie viel ein durchschnittlicher Bauer oder eine Bäuerin verdient?

Baur: Viel zu wenig. Die Leistungen werden leider nicht gerecht abgegolten. Allein was Bauern für einen Liter Milch bekommen, ist ein Wahnsinn. Wir müssen uns die Frage stellen, wie ein fairer Milchpreis erzielt werden kann.

Hechenberger: Bei steigenden Produktionskosten produzieren wir hochwertige Lebensmittel auf Preisniveau der 1980er-Jahre. Die Leistungsabgeltungen bekommen wir für den Erhalt der Kulturlandschaft. Viele bäuerliche Familien kommen gerade noch finanziell über die Runden. Aber mindestens so weh tun mir die Bilder, die teilweise über die Bauern in der Öffentlichkeit transportiert werden. Realität und Wahrnehmung stimmen nicht zusammen.

Höhere Preise? Schon jetzt müssen Tausende Tiroler im Sozialmarkt einkaufen.

Baur: Ich habe nicht gesagt, die Preise müssen rauf, sondern dass die Leistung gerecht entlohnt wird. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in allen Bereichen auseinander. Als Soziallandesrätin liegt es mir am Herzen, dass es generell mehr Mitte gibt: bei Arm und Reich, Jung und Alt, Bauern und Städtern, Fremden und Inländern. Das Auseinanderdriften gefährdet den sozialen Frieden. Die Politik muss diesen aber gewährleisten.

Hechenberger: Im Verhältnis werden die Lebensmittel immer billiger. Das Hauptproblem ist das Einkommen. Ob Bauer, Arbeitnehmer oder Wirtschaftstreibender: Der Spielraum wird immer enger, weil die Fixkosten steigen. Es benötigt ein gesamtheitliches Denken, um Veränderungen herbeizuführen. Derzeit zieht sich jeder auf seine Position zurück und sagt: Dem anderen geht’s gut und mir schlecht.

Baur: Wenn man erkennt, dass die Herausforderungen ähnlich sind, gibt es vielleicht mehr Akzeptanz dafür, dass Sozialleistungen wie die Mindestsicherung oder Leistungsabgeltungen nicht mehr als Almosen bezeichnet werden. Gesellschaft funktioniert nur, wenn es ein Miteinander gibt.

Apropos Miteinander. Wie geht es Bauern und Grünen in der Koalitionsregierung? Als die Grünen noch in Opposition waren, hat es ja sehr oft kräftig gefunkt.

Hechenberger: Seit der Landtagswahl habe ich nicht mehr das Gefühl, dass es funkt. Wir diskutieren derzeit in der Öffentlichkeit zu viel über Naturschutz. Naturschutz ist wichtig, aber bei mir gehen die Menschen vor. Wichtig ist das gegenseitige Informieren und Verstehen der Positionen.

Baur: Das Funken kam vor allem aus der Agrargeschichte. Das haben wir gut erledigt. Demokratie hat den Sinn, dass wir nicht alle einer Meinung sind, sondern dass wir lernen, gut miteinander umzugehen. Man muss einander gernhaben bzw. wertschätzen, dass man gut streiten kann. Beim Naturschutz geht es natürlich um die Menschen. Wer soll denn die Natur schützen und für wen sonst?

Hechenberger: Dass die Agrarfrage erledigt ist, glaube ich nicht. Viele Agrargemeinschaften haben sehr wertvolle Arbeit geleistet und fühlen sich zu Unrecht in ein schiefes Licht gerückt.

Baur: Aber es gab eben Funktionäre, die die ursprüngliche Idee missbraucht haben. Das ist das Problem.

Haben sich ÖVP und Grüne so gern, dass sie bis zum Ende der Legislaturperiode 2018 gut streiten können?

Hechenberger: Als Interessenvertretung werden wir Beiträge liefern, dass gut gestritten wird, damit am Ende des Tages gute Ergebnisse für die Bauern herauskommen.

Baur: Ich bin sehr zuversichtlich. Die Arbeit macht sehr viel Spaß, weil ich sehe, dass ein Miteinander möglich ist und etwas weitergehen kann.

Das Gespräch führte Peter Nindler


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