Zerrieben von der Arbeit, gespalten durch den Faschismus

Martina Mantinger hat Zeitzeugen für ihr Geschichtsbuch über Villnöß und Südtirol befragt. Bergsteiger Reinhold Messner steuert ein Vorwort bei.

Von Sabine Strobl

Innsbruck –„Wir hatten keine schöne Kindheit“, sagt Barbara Profanter. Sie wurde im November 1919 auf dem Plawatschhof in St. Magdalena geboren. Ein Schwesterchen starb an den Masern, die Mutter bei der Geburt des elften Kindes. Den Christbaum stellten die Kinder selbst auf. Weil die Familie nicht genug Schuhe hatte, eilten die Mitglieder am Sonntag gestaffelt in die Kirche.

Wie Profanter erzählt, ging sie gerne in die Schule. Gelernt habe sie nicht viel, weil die Lehrerin nur Italienisch sprach. Auch die verbotene Katakombenschule, wo Deutsch unterrichtet wurde, habe nicht viel gebracht. Hunger war ein häufiger Begleiter für die Bauerskinder. Bald wurden die Burschen einberufen und im Krieg mussten die Schwestern die „Männerarbeit“ wie Pflügen übernehmen. Einer der Brüder ist nach einem Urlaub nicht mehr zur SS zurück. In Frauenkleidern arbeitete er dann am Feld.

An die Bombardierungen von 1945 erinnert sich Profanter folgendermaßen: „Da steckte ich mein Gesicht tief ins Moos und war fest überzeugt, so könne mir nichts passieren.“ Auf den Krieg folgte eine nicht weniger arbeitsame Zeit. Nach dem frühen Tod ihres Mannes verrichtete Profanter den Mesnerdienst alleine und zog ihre drei Kinder auf. Die schönsten Momente brachte der Bäuerin immer das Musizieren.

Solche Interviews hat Martina Mantinger für ihr Buch „Gsessn isch man lei ban Essn“ zusammengetragen. Es liest sich als packendes Zeitzeugnis über die Berggemeinde Villnöß und Südtirol.

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Deutsch, Italienisch, Deutsch. Dableiber und Optanten. Wie Helmut Messner in seinem geschichtlichen Abstrich beschreibt, wurde auch die bäuerliche Gesellschaft im Faschismus gespalten. Bereits 1923 wurde auf Italienisch unterrichtet. 70.000 Menschen verließen in der Option Südtirol. So kam es, dass junge Männer vom italienischen Heer entlassen und vom deutschen eingezogen wurden. Tiefgreifend war auch das neue Erbrecht, das den „geschlossenen Hof“ aufhob und eine Aufteilung des Besitzes vorsah.

Das deutsch-italienische Tauziehen um Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg hat die Menschen tief geprägt. Der Aufbruch folgte erst in den 60er-Jahren. Ein weltbekannter Villnösser ist Reinhold Messner. In seinem Vorwort schreibt er von dem heute beruhigenden Gefühl, sich auf seinem Hof selbst versorgen zu können.

Martina Mantinger. Gsessn isch man lei ban Essn. Villnösser erzählen. Edition Raetia. 302 Seiten, zahlreiche Fotos.


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