Medizin-Weltkulturerbe in Wien rund um anatomische Wachsmodelle

Wien (APA) - Wien-Alsergrund, der 9. Gemeindebezirk, könnte zu einer einzigartigen „Museums-Meile“ in Sachen Medizin werden. Mit dem Josephi...

Wien (APA) - Wien-Alsergrund, der 9. Gemeindebezirk, könnte zu einer einzigartigen „Museums-Meile“ in Sachen Medizin werden. Mit dem Josephinum, dem Alten AKH, dem Billrothhaus, dem Sigmund Freud Museum und weiteren Sammlungen harrt ein Schatz seiner Hebung. Interesse der Öffentlichkeit und ausreichende Finanzierung wären zu wünschen, erklärte MedUni Wien-Vizedirektorin Christiane Druml gegenüber der APA.

Der „Star“ der Sammlungen im Josephinum in der Währinger Straße: Blondhaarig, mit geöffneten Augen, roten Lippen und einer Perlenkette um den Hals liegt die lebensgroße „Mediceische Venus“ in der originalen Vitrine mit Rosenholzfurnier. Ab der Perlenkette sind Brust- und Bauchraum geöffnet, die inneren Organe (entfernbar) in Form und Farbe perfekt vorhanden - nicht plastifiziertes menschliches Gewebe, sondern Wachs. Die wohl schönste Figur der Sammlung ist eines von 1.192 anatomischen Wachspräparaten, die Kaiser Joseph II. 1781 in Florenz für „seine“ neue medizinisch-chirurgische Militärakademie (Josephinum, ab 1785) bestellte.

„Joseph II. hat damals seinen Bruder, den späteren Kaiser Leopold II., in Florenz besucht. Dieser hatte dort das erste naturwissenschaftliche Museum der Welt gegründet“, erzählte Christiane Druml inmitten der Schauräume mit den Exponaten - von Ganzkörperwachsmodellen (16 Exemplare) mit allen nachgebildeten Arterien bis zu Einzelorgan-Darstellungen mit penibler Beschreibung zum Studium. Bis ins 19. Jahrhundert hatten Anatomie und somit die Medizin damit zu kämpfen, dass ohne Kühlung und entsprechende Konservierungsmaßnahmen Präparate von menschlichem Gewebe für Forschung und Lehre kaum haltbar waren. Leonardo da Vinci nutzte deshalb erstmals Wachs als Modelliermaterial.

Kein Wunder, dass der Direktor der von Leopold II. als Großherzog der Toskana in Florenz gegründeten naturwissenschaftlichen Sammlung „La Specola“, Felice Fontana, und der florentinische Anatom Paolo Mascagni im ersten Auftrag für Wachsmodelle des späteren Kaisers die Bildgebung der Renaissance anstrebten. Joseph II. sah die Modelle und gab jene 1.192 Exemplare in Auftrag, die schließlich für dessen 1785 gegründete medizinisch-chirurgische Militärakademie nach Wien transportiert wurden. Der Wiener Hofarzt Giovanni Alessandro Brambilla sollte die nach den Plänen von Isidor Canevale im klassizistischen Stil erbaute Akademie zur führenden Ausbildungsinstitution für die Medizin des Habsburgerreiches machen.

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Heute sind die Modelle - genauso wie ehemals - in Räumlichkeiten rund um den ursprünglich prächtigen Hörsaal der Akademie ausgestellt. Derzeit ist der Saal beklagenswerterweise bestenfalls ein umgebautes Relikt aus der „Resopal-Ära“ der 1970er-Jahre. Was vielen Wienern noch unbekannt ist, gilt für internationale Reisende mit Medizin-Hintergrund bereits als echte Sensation: das Josephinum mit seinen Sammlungen, von denen die Wachsmodelle nur ein Aspekt sind. Christiane Druml: „Wir haben medizinische Instrumente, Handschriften, Anatomie-Atlanten aus 1543, Nachlässe - eine Fülle von Schätzen.“

International dürften manche Exponate bereits in nächster Zeit noch mehr Bekanntheit erreichen. „Der Reiseteil der New York Times wird die Wachsmodelle am 31. August auf dem Titelblatt bringen“, sagte die MedUni Wien-Vizerektorin.

Daneben findet sich im Josephinum eine Bibliothek mit 6.000 Werken, das früheste aus 1478. Aus der Zeit Joseph II. stammt eine riesige Sammlung von chirurgischen Geräten in Dutzenden kostbaren Schatullen, das „Instrumentarium Chirurgicum Viennese“. „Das ist eine Mustersammlung von chirurgischen Instrumenten, die für die damalige medizinische Ausrüstung als Vorbild dienen sollte“, sagte Kurator Moritz Stipsicz vom Wiener „Büro für Kunst“.

Freilich, das Josephinum ist nur ein Teil eines größeren „Masterplans“, den die Proponenten einer Wiener „Museums-Meile“ in Sachen Medizin und Gesundheit vorantreiben wollen. Hier könnten das Alte AKH (mit dem Narrenturm/Naturhistorisches Museum), das Billrothhaus der Gesellschaft der Ärzte mit den Räumlichkeiten, in denen die Wiener Medizinische Schule die Heilkunde neu erfand, das Sigmund Freud Museum „um‘s Eck“ und andere Einrichtungen in einem Verbund über die einzelnen Trägerschaften hinweg ihr Erbe besser präsentieren.

Christiane Druml: „Wir sind mit diesem Plan schon recht zügig vorangeschritten. Gerade der 9. Bezirk hat eine einzigartige Fülle an weltbedeutenden medizinhistorischen Monumenten und Einrichtungen. (...) Was wünscht man sich dafür? Interesse und Finanzierung.“


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