Anklage im Fall Hypo Real Estate - Ex-Chef wehrt sich

München (APA/Reuters) - - von Jörn Poltz...

München (APA/Reuters) - - von Jörn Poltz

Er ist einer der umstrittensten Banker der Finanzkrise: Georg Funke, unter dessen Führung die einst größte deutsche Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) an den Abgrund geriet, soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft auf die Anklagebank. „Es ist Anklage erhoben worden“, sagte Funkes Verteidiger Wolfgang Kreuzer der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Die Münchner Strafverfolger bestätigten lediglich, dass die Ermittlungen gegen die acht Ex-Vorstände um Funke abgeschlossen sind. Über den genauen Stand würden zunächst nur die Beteiligten informiert. Das Landgericht äußerte sich nicht.

Der Beinahe-Zusammenbruch der Hypo Real Estate im Jahr 2008 war eines der dramatischsten Kapitel der Finanzkrise. Weil die HRE weitere Banken ins Verderben zu reißen drohte, sprang der Bund ein. Mit weit über 100 Milliarden Euro an Steuergeldern rettete er das Münchner Institut vor dem Zusammenbruch und brachte es schließlich unter seine Kontrolle. Die HRE wurde aufgespalten, der gesunde Rest schreibt unter dem Namen Pfandbriefbank (pbb) wieder Gewinne und soll bald verkauft werden. Funke flüchtete vor dem Zorn der deutschen Öffentlichkeit nach Mallorca, wo er sich als Immobilienmakler betätigt.

Von den Vorwürfen gegen die frühere HRE-Führung, denen die Staatsanwaltschaft in mehr als sechs Jahren Ermittlungsarbeit nachging, blieb nun wenig übrig. Im Raum standen lange der Verdacht des Insiderhandels, der Marktmanipulation, der Untreue und der unrichtigen Darstellung der Geschäftslage. „Ein großer Teil ist in der Anklage nicht mehr dabei“, sagte Kreuzer nun. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am Donnerstag aus Kreisen von Verfahrensbeteiligten, die Staatsanwaltschaft halte Funke und früheren Vorstandskollegen lediglich eine unrichtige Darstellung der Unternehmenslage vor. Kreuzer wollte sich dazu nicht äußern, weil er die Anklageschrift selbst noch nicht erhalten habe.

Das Dokument liegt nach Angaben von Verfahrensbeteiligten nun bei demselben Richter, der jüngst den Korruptionsprozess gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone beendet hatte und sich auch mit der Anklage gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen beschäftigt, dem versuchter Prozessbetrug vorgeworfen wird: Richter Peter Noll ist am Landgericht München Vorsitzender der fünften Strafkammer, die auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert ist. Bis das Gericht über einen Prozess gegen Funke entscheidet, dürften noch Monate ins Land gehen.

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Für „unrichtige Darstellung“ sieht das Handelsgesetzbuch bis zu drei Jahre Gefängnis vor. Funkes Verteidiger zeigte sich jedoch überzeugt, dass der frühere HRE-Chef nicht gegen das Gesetz verstoßen habe. „Mein Ziel ist und bleibt ein Freispruch“, sagte Kreuzer. Von einer Einstellung gegen Geldauflage wie im Fall Ecclestone oder einem Deal mit der Justiz wollte der Anwalt nichts wissen. „Ich möchte das durchziehen und zeigen, dass Herr Funke sich nicht strafbar gemacht hat.“ Funke hatte dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück vorgeworfen, er habe die eigentlichen Probleme erst heraufbeschworen, indem er von einer Abwicklung der Bank geredet habe.

Die HRE hatte am 15. Jänner 2008 völlig unerwartet Abschreibungen auf Wertpapiere in Millionenhöhe bekannt gegeben. Mit dem Absturz der damals im Dax gelisteten HRE-Aktien um 35 Prozent begann an diesem Tag die Talfahrt des Leitindex. Endgültig ins Straucheln geriet die HRE, als in der Finanzkrise das Geschäftsmodell der Depfa versagte: Die Konzerntochter bekam an den Kapitalmärkten kein Geld mehr, um ihre langfristig ausgegebenen Kredite durch kurzfristige Schulden zu finanzieren, und drohte deswegen pleite zu gehen. Der Sturzflug der HRE-Aktie am 29. September 2008 um 75 Prozent war der bisher größte Kursverlust eines Dax-Werts an einem Tag.

Um das Desaster der Hypo Real Estate ist eine ganze Reihe von Rechtsstreitigkeiten entbrannt, die bisher nicht abgeschlossen sind. Funke sah sich nach eigener Darstellung 2008 zu Unrecht aus dem Amt gedrängt und verlangt von der Bank sein Gehalt, das ihm vorenthalten worden sei. Umgekehrt verklagte die Hypo Real Estate ihren früheren Chef auf Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe.

Frühere Aktionäre zogen vor Gericht, weil der deutsche Bund sie bei der Verstaatlichung enteignet habe. Die größte Rechnung haben aber internationale Investoren aufgemacht: Sie wollen von der Hypo Real Estate und von Funke mehr als eine Milliarde Euro Schadenersatz für Aktienkursverluste bekommen. In diesem Prozess vor dem Oberlandesgericht München verteidigen die Bank und ihr früherer Chef einmütig dessen frühere Kommunikationspolitik, um die Forderungen abzuwehren.

~ WEB http://www.hyporealestate.com/ ~ APA383 2014-08-14/14:51


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