Talente schwimmen dem Tiroler Verband davon

Fehlende Trainingsbedingungen veranlassten EM-Schwimmerin Christina Nothdurfter einst zum Auszug, nun folgt ihr Caroline Hechenbichler nach.

Von Roman Stelzl

Innsbruck –Bei der Langbahn-Europameisterschaft in Berlin tritt die Tirolerin Christina Nothdurfter erstmals voll ins Rampenlicht des Tiroler Schwimmsports – und die Frage, die sich zum Beginn stellt, lautet: Wieso war es zuletzt so ruhig um sie? Die Antwort: Die 20-jährige Osttirolerin wird seit 2010 nicht mehr im Tiroler Verband geführt.

Nothdurfter tauschte den SU Osttirol gegen den ATUS Graz, nachdem die Studienwahl (Sport und Psychologie) auf die steirische Hauptstadt statt Innsbruck entfiel. Ein Grund, der die Entscheidung leichter machte: eine 50-Meter-Schwimmhalle. An der Sachlage der fehlenden Halle hat sich in Tirol zuletzt wenig geändert. Deshalb sind die Gründe für einen Vereinswechsel zumeist dieselben. Das trifft auch auf Tirols Sternchen Caroline Hechenbichler zu:

Die 14-jährige Athletin des SC Söll schwimmt ab Herbst im Linzer Leistungszentrum, wo sie in fünf Jahren die Matura machen will. Denselben Weg hatte Jungstar Lena Kreundl (SC Wörgl) 2012 eingeschlagen, die mit Hechenbichler befreundet ist und ihr den Wechsel leichter machte. Eine weitere Erleichterung: die 50-Meter-Halle.

„Caroline steht in Tirol an. Ihr fehlen hier die Möglichkeiten, um sich weiterzuentwickeln. In Linz wird ihr das Fehlende geboten“, erklärte Ex-Trainer Klaus Leitner.

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Das heimische Becken war der 27-fachen Tiroler Meisterin zu klein geworden. Leitner: „Sie kann alles schwimmen, nur die Brust-Strecke klappt nicht.“ In Oberösterreich soll auch das erlernt werden.

Hechenbichler muss sich dort aber erst behaupten – und die Eltern müssen dafür tief in die Tasche greifen. Rund 800 Euro sind zunächst pro Monat fällig, danach folgen je nach Erfolg Förderungen. Ein Aufwand, der sich mit Großeinsätzen bezahlt machen soll.

Hechenbichler ist nach Nothdurfter, Kreundl, Michelle Pawlik und Katharina Stengg (Auszug 2006/Karriereende 2009) die nächste Athletin, die den Absprung wagt. Dem Tiroler Verband (TSV) schwimmen die Talente davon, so die Befürchtung. Doch die vor Jahren angekündigte Besserung in Form einer Halle mit 50-Meter-Bahn ist nicht in Sicht.

„In den letzten zwei Jahren haben wir in der Umsetzung der Halle keinen Schritt nach vorne gemacht. Das ist eine traurige Farce. Die Stadt spielt auf Zeit und denkt sich, dass wir nachlassen. Aber das werden wir nicht“, erklärt TSV-Vizepräsident Richard Kössler. Das 30 Millionen Euro teure Projekt (rund sieben Millionen Euro würde die Stadt tragen) mit Wunschstützpunkt Wiesengasse Innsbruck liege seit Langem in der Schublade. Das Problem: Die Stadt müsste das Areal erst kaufen. Innsbrucks Sportreferent erwidert: Man habe die Hausaufgaben erledigt, der Ball liege beim Land (siehe Kasten rechts). Der Tiroler Schwimmverband beförderte zuletzt Pressesprecherin Anna Senn zur Projektplanerin. Kössler: „Anna macht das im Rahmen ihres Bauingenieurwesen-Studiums und wird aktiv auf die Stadt zugehen. Das müssen wir machen – von selbst bewegt sich nämlich nichts.“ Auch die angedachte Überdachung des Tivoli-Bads (Kosten sollen bei 800.000 Euro liegen) hält Kössler für unwahrscheinlich. Die Gefahr bei vielen Zuschauern sei zu groß.

Eine schnelle Umsetzung scheint unwahrscheinlich, die Entscheidung von Caroline Hechenbichler deshalb nachvollziehbar, bestätigt Tirols derzeit erfolgreichste Schwimmerin Caroline Reitshammer. „Es freut mich, dass sich Christina und Caroline wohl fühlen. Aber ich finde es schade, dass die Jungen weggehen müssen, um erfolgreich zu sein“, sagt die 23-jährige WM-Starterin aus Absam, die nach drei Monaten Verletzungspause wieder ins Training einstieg. Reitshammer drängt auf eine baldige Entscheidung: „Wir haben jetzt viele Talente. Denen bringt es nichts, wenn wir zehn Jahre nur reden.“

Ihr Bruder – Rückenspezialist Bernhard – habe sich deshalb auf Anraten von Ex-Star Markus Rogan in den USA schlau gemacht. Für Caroline selbst war und ist das aber kein Thema. Sie fühlt sich hier bei ihrer Familie wohl. Und das mit – oder ohne Halle.


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