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Ein Tabu wird zum Thema gemacht

Reuttener Psychiater nennt Faktoren, die Suizidalität beeinflussen. Tannheimer Tal stellt sich Diskussion.

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Von Helmut Mittermayr

Tannheim –Die heurigen Suizidzahlen im Außerfern sind erschreckend hoch. 19 Versuche, elf Tote. Auch im September hat sich wieder ein Mensch das Leben genommen. Der Bezirk Reutte hält damit in Tirol – umgelegt auf die Einwohnerzahl – den traurigen Spitzenwert (die TT berichtete). In einer Region wird die Problematik nun offen angegangen. Der Sozial- und Gesundheitssprengel Arbeitskreis Tannheimer Tal lädt am Donnerstag, den 9. Oktober, um 19 Uhr ins Rotkreuzheim in Tannheim zu Vortrag und Diskussion über Suizid und Freitod. Obfrau Monika Durst: „So viel ist schon passiert. Ich weiß, dass das Thema bei uns tabu ist, aber etwas muss getan werden. Im Tal wird darüber nicht gesprochen und doch ist das Thema allgegenwärtig.“

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Der Sozial- und Gesundheitssprengel will der Bevölkerung fachliche Grundlagen liefern und hat deshalb die auf Suizid spezialisierte Pädagogin Regina Seibl zum Vortrag geladen. Die Innsbruckerin ist Mitglied des Gremiums „Supra“ im Gesundheitsministerium, das eigens zur Suizidprävention installiert wurde. Seibl: „Mein Ziel ist es zu sensibilisieren. Die Leute sollen in ihrer engsten Umgebung auf mögliche Signale aufmerksam gemacht werden.“ In Krisen seien Angehörige oder Nahestehende gefordert, aber auch schnell überfordert. Dabei gebe es etwa Anlaufstellen wie „pro mente tirol“ mit ihrer Außenstelle in Reutte, die helfen können. Der Abend im Rotkreuzheim in Tannheim soll auch ermutigen, über das Thema überhaupt zu reden.

Der Reuttener Psychiater Ludwig Prokop bringt sich erneut in die laufende Debatte ein. Er warnt vor so genannten „Psychiatrieverstehern als falsche Propheten und fachfremde Populisten“. Wissenschaftlich eindeutig sei, was die Suizidalität einer Region beeinflusse: „Die Dichte der niedergelassenen Ärzte (insbesondere Allgemeinmediziner). Die Dichte der niedergelassenen Psychotherapeuten. Die Dichte von psychosozialen Beratungsstellen wie pro mente, BASIS, BIN, BIT und ähnliche mehr.“ Weitere wichtige Faktoren sind laut Prokop die Verordnungshäufigkeit von Antidepressiva, die Verfügbarkeit von Waffen, regionale Hot Spots oder Medienberichte. Der Psychiater pointiert: „Nur ein Faktor hat weltweit keinen Einfluss auf die Suizidrate einer Region. Das ist die Dichte der verfügbaren Psychiater.“ Wer ein ernsthaftes Interesse an einer Verbesserung der Situation im Bezirk Reutte habe, solle die angeführten Punkte berücksichtigen. Hier gebe es viel zu tun. Prokop, der Zahlenspiele in diesem Zusammenhang ablehnt, weist noch darauf hin, dass der Bezirk Reutte bis zum Jahr 2009 in der Langzeitstatistik österreichweit stabil im unteren Drittel gelegen ist. Was nun nicht mehr zutrifft.


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