„Idomeneo“-Regisseur Holten: Keine Einteilung in Gut und Böse 1

Wien (APA) - Der Däne Kasper Holten ist erst 41 Jahre alt und hat bereits 14-jährige Erfahrung als Operndirektor. 2000-11 leitete er die Ope...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien (APA) - Der Däne Kasper Holten ist erst 41 Jahre alt und hat bereits 14-jährige Erfahrung als Operndirektor. 2000-11 leitete er die Oper Kopenhagen, seither ist er Chef des Londoner Royal Opera House, des Covent Garden. Als Regisseur hat er an vielen Häusern, darunter am Theater an der Wien, gearbeitet und einen „Don Giovanni“-Film gedreht („Juan“). „Idomeneo“ (Premiere: 5.10.) ist sein Staatsoperndebüt.

APA: Herr Holten, Sie haben am Theater an der Wien gearbeitet und inszenieren jetzt das erste Mal an der Staatsoper. Wie unterschiedlich sind Ihre Erfahrungen an diesen beiden Häusern?

Kasper Holten: Natürlich gibt es Unterschiede, aber ich habe an beiden Häusern bis jetzt viel Spaß gehabt. Die Staatsoper ist ein Repertoire-Haus, da gibt es andere Herausforderungen. Man hat weniger Zeit auf der Bühne, der Chor ist auch mit anderen Produktionen beschäftigt, und man muss einen gewissen Fokus für seine eigene Aufführung erzeugen. Das Theater an der Wien ist als Stagione-Haus für einen Regisseur Luxus. Aber wenn man die Herausforderung des Repertoirebetriebs nicht annehmen möchte, dann macht man nicht richtig Oper. Und die Inszenierung hat dann ja auch die Chance, viele Jahre im Repertoire zu bleiben. Es sind also zwei verschiedene, aber sehr schöne Erlebnisse. Ich hab immer Glück in Wien gehabt. Es ist auch toll in einer Stadt zu arbeiten, in der man spürt: Oper bedeutet wirklich etwas. Nirgendwo auf der Welt nimmt man Oper so ernst. Man spürt, wie viel Theater und Kunst hier bedeuten. Dass Oper und Theater nicht als Entertainment angesehen werden, sondern als Teil des intellektuellen Lebens eines Landes - dafür kämpfe ich in London. Covent Garden ist übrigens auch ein Repertoire-Haus.

APA: Wenn Sie als Regisseur an einem anderen Haus arbeiten - versuchen Sie sich auch als Direktor von den anderen etwas abzuschauen?

Holten: Klar, so wie die Chefdirigenten erhalte auch ich Inspirationen, wenn ich herumreise. Das geht aber in beide Richtungen: Ich kann etwas finden, von dem ich sage: Davon können wir lernen. Oder ich sage: Das machen wir eigentlich besser, das sollten wir mehr schätzen. Frische Luft von anderswo ist wichtig für neue Ideen und neue Sichtweisen. Natürlich haben währenddessen die Leute zu Hause mehr zu tun. Heute Morgen habe ich mich lustigerweise um eine „Idomeneo“-Probe in London kümmern müssen. Martin Kusej inszeniert bei mir. Seinen „Faust“ in München fand ich so toll! Wir haben darüber gelacht, dass ich nach Österreich komme, um „Idomeneo“ zu machen, und ein Österreicher inszeniert das gleichzeitig bei mir.

APA: Wie sehr werden sich Ihre beiden Inszenierungen unterscheiden?

Holten: Das ist ja das Tolle an diesem Meisterwerk. Es gibt so viele Ansatzpunkte, so viele Sichtweisen. Die beiden Produktionen werden sicher komplett unterschiedlich sein - und sicher ganz anders, als die Inszenierung von Damiano Michieletto vor einem Jahr im Theater an der Wien. In Bühne und Kostüm wird es sicher sehr verschieden, und auch in den Sichtweisen. In Martins Inszenierung geht es um eine bipolare Welt, einen Kampf zwischen zwei Systemen, zwischen Jung und Alt, während es bei mir vier Menschen sind, die alle für sich kämpfen und einen Weg ins Leben suchen. Sie tragen nach einem langen Krieg schwere Bürden: Idomeneo, weil er viele Leute getötet hat; Ilia, die alles verloren hat, die eine Prinzessin war und jetzt Kriegsgefangene ist; Elettras Schicksal kennen wir schon aus der Strauss-Oper: Schwester vom Vater getötet, Vater von der Mutter getötet, Mutter vom Bruder getötet und Bruder von Furie getötet - keine schöne Familiengeschichte. Sogar Idamante, der nicht im Krieg war, ist belastet - durch einen schweren Vaterkomplex. Diese vier Leute kämpfen alle für ihre eigene Agenda. Mich interessiert es dabei nicht, sie in Gut und Böse einzuteilen.

APA: Die Grundfrage ist immer: Zeigt man den Trojanischen Krieg, holt man die Geschichte in die Gegenwart oder in eine abstrakte Welt?

Holten: Ich habe überlegt, die Geschichte heute spielen zu lassen, aber ich hatte dann das Gefühl, dass ich das zu oft gemacht habe und dass es auch nicht ganz gestimmt hätte. Man muss den Mythos mitschwingen lassen. Man muss den Trojanischen Krieg fühlen können, aber ich wollte es natürlich nicht in Toga und Sandalen spielen lassen, das wird dann nur pittoresk. Also haben wir versucht, dass die Kostüme archaisch aussehen und dennoch einen Bogen bis zum heutigen Tag spannen. Es ist wichtig, dass es um eine Nachkriegszeit geht. Es war ein langer, harter Krieg, und jetzt wird eine ganze Region umgekrempelt. Das kennen wir ja sehr gut.

APA: Sie machen Umstellungen im Ablauf der Oper - wie schwierig war es, den Dirigenten Christoph Eschenbach davon zu überzeugen?

Holten: Die Idee kam von mir, aber es war nicht schwierig, ihn zu überreden. An diesem Stück hat Mozart ja selbst als work in progress gearbeitet. Natürlich soll man nicht versuchen, Mozart zu verbessern, das wäre Unsinn, aber Mozart selbst war nie richtig zufrieden mit seiner Fassung. Wir haben die Liebesgeschichte zwischen Ilia und Idamante im dramaturgischen Ablauf verändert. Wir haben es musikalisch überprüft und haben gefunden, es funktioniert. Die zweite Änderung betrifft den Siegeschor, der jetzt viel später kommt.


Kommentieren