Karadzic attackierte in Schlussplädoyer Ankläger

Die Anklage „kennt die Wahrheit“, aber sie versuche, „das Tribunal zu täuschen“, sagte der ehemalige politische Führer der bosnischen Serben in Den Haag.

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Den Haag - Zum Auftakt seines Schlussplädoyers vor dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hat der frühere bosnische Serben-Führer Radovan Karadzic die Ankläger attackiert. Es sei „das serbische Volk“, das angeklagt sei, sagte der 69-Jährige am Mittwoch, und unterstellte damit eine Voreingenommenheit.

Die Anklage „kennt die Wahrheit“, aber sie versuche, „das Tribunal zu täuschen“, sagte Karadzic. Der frühere politische Führer der bosnischen Serben ist in Den Haag in elf Anklagepunkten wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs (1992-95) angeklagt.

Die Anklage hatte am Montag in ihrem Schlussplädoyer erklärt, sie halte jegliche Zweifel an der Schuld Karadzics für ausgeräumt. Er sei eindeutig die „treibende Kraft“ hinter „ethnischen Säuberungen“ im Krieg und dem Massaker von Srebrenica gewesen, sagte Chefankläger Alan Tieger in seinem Schlussplädoyer.

Karadzic räumte in seinem eine „moralische Verantwortung“ für die in Bosnien-Herzegowina von serbischen Truppen begangenen Kriegsverbrechen ein. Er habe die Verbrechen jedoch nicht angeordnet, betonte er. Es gebe „keinen einzigen Beweis“ dafür.

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Karadzic hat für seine letzte Stellungnahme bis zum Donnerstag Zeit. Schon vorher hatte er erklärt, er fordere einen Freispruch. Mit einem Urteil wird nicht vor Ende des kommenden Jahres gerechnet.

Karadzic war im Juli 2008 in der serbischen Hauptstadt Belgrad gefasst worden, nachdem er sich 13 Jahre lang versteckt gehalten hatte. Die Anklage wirft ihm sowie dem früheren bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladic und dem 2006 verstorbenen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor, beim Zusammenbruch Jugoslawiens 1991 gemeinsam „ethnische Säuberungen“ in den von Serben beanspruchten Teilen Bosniens vorgenommen zu haben. Muslime, Kroaten und andere nicht-serbische Bevölkerungsgruppen seien systematisch vertrieben worden.

Insgesamt kamen im Bosnien-Krieg zwischen 1992 und 1995 etwa 100.000 Menschen ums Leben, mehr als zwei Millionen wurden vertrieben. Allein bei dem als Völkermord eingestuften Massaker von Srebrenica im Juli 1995 wurden etwa 8.000 muslimische Buben und Männer verschleppt, getötet und in Massengräbern verscharrt. Karadzic gilt als Drahtzieher des Massakers von Srebrenica. Ebenfalls verantworten muss er sich wegen der 44-monatigen Belagerung von Sarajevo, bei der nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen etwa 10.000 Zivilisten getötet wurden. (APA/AFP)


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