Zwei starke Frauen beherrschen die Präsidentschaftswahl in Brasilien

Rio de Janeiro (APA/AFP/dpa) - Der Tod des sozialistischen Kandidaten Eduardo Campos hat die Präsidentschaftswahl in Brasilien völlig durche...

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Rio de Janeiro (APA/AFP/dpa) - Der Tod des sozialistischen Kandidaten Eduardo Campos hat die Präsidentschaftswahl in Brasilien völlig durcheinandergebracht. Die an seine Stelle getretene Ex-Umweltministerin Marina Silva sorgt für Spannung. Laut Umfragen hat die 56-jährige gute Chancen als Siegerin aus dem Rennen gegen Amtsinhaberin Dilma Rousseff hervorzugehen - allerdings erst in der Stichwahl am 26. Oktober.

Im ersten Durchgang am Sonntag, bei dem der Sozialdemokrat Aecio Neves (PSDB) mit unter 20 Prozent aus dem Rennen fliegen dürfte, werden für Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) 38 bis gut 40 Prozent erwartet, für Silva (PSB) zwischen 25 und fast 30 Prozent. Wenn die Wähler aber gefragt werden, wem sie im Stechen zwischen der 66-jährigen Präsidentin und ihrer zehn Jahre jüngeren Herausforderin den Vorzug geben, dann lag zuweilen auch Silva vorne.

Allerdings wären für Rousseff im ersten Wahlgang auch nicht unbedingt mehr als 50 Prozent für einen Sofortsieg nötig. Nach dem brasilianischen Wahlrecht muss sie nur mehr Stimmen haben als ihre Widersacher zusammen - Enthaltungen und ungültige Stimmen werden dabei nicht berücksichtigt. Für einen solchen Coup am Sonntag müsste die Amtsinhaberin aber auf den letzten Metern nochmals deutlich zulegen.

Mit seinen rund 200 Millionen Einwohnern ist Brasilien eine aufstrebende Mittelmacht, die siebentgrößte Volkswirtschaft der Welt. Sportliche Mega-Ereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft der Herren in diesem Jahr und die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016 machen das deutlich. Allerdings bieten sie der Bevölkerung Brasiliens auch Gelegenheit zu unüberhörbaren Protesten - wie bei den Großdemonstrationen im Vorfeld der WM und den Pfeifkonzerten für Präsidentin Rousseff bei ihren Auftritten zur Eröffnung und beim Finale.

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Auch die wirtschaftliche Situation des Landes könnte laut Experten negative Auswirkungen auf die Wiederwahlchancen Rousseffs haben. In den ersten zwei Quartalen ist Brasilien mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums von 0,2 bzw. um 0,6 Prozent in eine Rezession geschlittert. Erst Mitte September korrigierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2014 von 1,8 Prozent auf 0,3. Viele machen für den Einbruch die von der PT betrieben Wirtschaftspolitik verantwortlich, die auf den Export von Rohstoffen basiert.

Bei den Wahlen geht es nicht nur um das Präsidentenamt, sondern auch um die Vergabe von 27 Gouverneurs-, 27 Senatoren- und 513 Abgeordneten-Posten. Erstmals gilt eine gesetzliche Neuregelung mit dem Namen „Sauberer Kandidat“. Danach darf niemand aufgestellt werden, der wegen Korruption und Bestechlichkeit verurteilt wurde. 250 Bewerber mussten daraufhin gestrichen werden, die sich schon auf ein lukratives Amt als Volksvertreter gefreut hatten.

Armutsbekämpfung und Korruption sind Dauerbrenner der politischen Debatten in Brasilien. Gerade in diesen Wochen schwelt eine Schmiergeldaffäre um den staatlichen Ölkonzern Petrobras, deren Auswirkungen auf die Wahlen vom 5. Oktober abzuwarten bleiben. Ein wegen Geldwäsche inhaftierter Ex-Manager, Paulo Roberto Costa, beschuldigt 40 Politiker von dem Unternehmen Bestechungsgelder erhalten zu haben.

Die Anschuldigungen richten sich primär gegen Rousseffs Arbeiterpartei und ihren wichtigsten Koalitionspartner, die Mitte-Rechts-Partei PMDB. Aber das heißt noch nicht, dass die sich in die Enge drängen lassen. Vorerst stehen Rousseff und ihre Verbündeten als stärkere Koalition da, Marina Silva hat schwächere Partner - und bis zum ersten Wahlgang sechs mal weniger Redezeit im Fernsehen als die amtierende Präsidentin.

Im Wahlkampf hat bisher das Thema Armutsbekämpfung die stärksten Emotionen ausgelöst. Dilma Rousseff und ihr Amtsvorgänger Luiz Inacio Lula da Silva, in der Öffentlichkeit stets ein Herz und eine Seele, können sich zugutehalten, in zwölf Jahren rund 30 bis 40 Millionen Brasilianer aus der Armut in einen bescheidenen Wohlstand verholfen zu haben. Rousseffs Helfer rückten die Kandidatin Silva in den Verdacht, sie wolle die Familiensozialhilfe „Bolsa Familia“ (Familienbörse) abschaffen, das bei diesem brasilianischen Wirtschaftswunder von zentraler Bedeutung war.

Dem widersprach Silva, eine ehemalige Haushaltsgehilfin, mit bitterem Unterton bei einem Wahlkampfauftritt in Fortaleza. „Wir werden die Familiensozialhilfe weiterführen - und weißt Du (Dilma), warum?“ Sie erinnere sich, als Kind ihre Eltern gefragt zu haben, warum sie nichts äßen, führte Silva aus. „Meine Mutter hat geantwortet: ‚Wir haben keinen Hunger‘“. Als Kind habe sie das geglaubt. Erst später verstand sie, dass ihre Eltern oft Hunger litten, ohne ihrem Kind dies gestehen zu wollen.

Kopfschüttelnd beobachtet Aecio Neves das Damen-Duell. Dem Ex-Gouverneur des wirtschaftsstarken Bundesstaates Minas Gerais eilt ein guter Ruf voraus. Der Kandidat der PSDB befindet sich in der Zwickmühle, gegen beide Lager auszuteilen. Seine Partei macht aber vor allem Front gegen die PT und sammelt in den großen Metropolen Stimmen. Doch liegt Neves, dessen Großvater Tancredo Neves 1985 erster gewählter Präsident Brasiliens nach der Militärdiktatur war, in Umfragen mit etwa 19 Prozent abgeschlagen auf Platz drei.

Der Katholik Neves, der prominente Hilfe von seinem Freund, dem Ex-Weltfußballer Ronaldo bekommt, sieht in Silvas politischer Linie lediglich die Fortsetzung der regierenden PT-Politik, die Brasilien in die Rezession geführt und Investoren abgeschreckt habe. „Ich habe mich mein ganzes Leben lang darauf vorbereitet, Brasilien zu regieren“, zeigt sich der 54-Jährige kämpferisch. Allerdings sieht es derzeit nicht so aus, dass er diese Chance bekommt. Denn Neves müsste dazu zunächst seine Konkurrentin Silva überholen, um in die Stichwahl zu gelangen, bei der es dann gegen seine wirkliche Gegnerin ginge: Dilma Rousseff.

((Grafik 1150-14, Format 134 x 162 mm))


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