Robinson träumt Freitag

In seinem ersten Roman „Kruso“ erforscht Lutz Seiler auf der Ostseeinsel Hiddensee mögliche Formen von Freiheit – und schaffte es damit auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

  • Artikel
  • Diskussion
© juergen-bauer.com

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Der Tod treibt Edgar, genannt Ed, Bendler in die Flucht. Der Tod und Georg Trakl. Über Letzteren soll der angehende Germanist eine Arbeit schreiben. Wohl ein professorales Angebot zur Ablenkung, denn kurz zuvor ist Eds Freundin bei einem Unfall ums Leben gekommen. Fraglos gut gemeint, aber: „Es braucht den festen Entschluss, sich abzuwenden.“ Ed macht sich auf nach Hiddensee – knapp 20 Quadratkilometer Land in der Ostsee, maritimer Außenposten des in den letzten Zügen liegenden real existierenden Sozialismus. Schließlich schreiben wir das Jahr 1989.

In DDR-Zeiten war Hiddensee Refugium für Andersdenkende und Asyl für Aussteiger. Hier wurde von der allgegenwärtigen Staatssicherheit schon mal ein Auge zugedrückt. Der eine oder andere subversive Gedanke durfte gedacht, die eine oder andere kritische Zeile zu Papier gebracht werden: Ein beklemmendes Biotop, in dem die Uhren ein kleines bisschen anders gingen. Aber Hiddensee galt eben auch als „Vorhof des Verschwindens“. Zumindest an klaren Tagen kann man die Umrisse der dänischen Insel Møn ausmachen. Die Zahl jener Republikflüchtlinge, die in den rund 50 Kilometern zwischen Hiddensee und Møn den Tod fanden, ist nicht bekannt. In der DDR gab es keine Flüchtlinge – nur Verschwundene.

Diesen Verschwundenen wird Ed im letzten Kapitel von Lutz Seilers „Kruso“ in den Katakomben der dänischen Polizei nachspüren. Und allein dieses aufwühlende Kapitel macht „Kruso“ zu einem wichtigen Roman. Was und wie Seiler die 435 Seiten davor erzählt aber, macht „Kruso“ zu einem guten Roman. Einem Roman, auf den der deutsche Literaturbetrieb lange gewartet hat. Seit den frühen 2000er-Jahren gilt Lutz Seiler als einer der maßgebenden Dichter deutscher Zunge. 2007 erhielt er für seine Erzählung „Turksib“ den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. „Kruso“ ist der erste Roman des 51-Jährigen. Und der erzählt zunächst einmal von der seltsamen Freundschaft zwischen Ed und Kruso, der eigentlich Alexander Krusowitsch heißt. Kruso – auf Hiddensee gestrandeter Robinson und Freiheitspraktiker – hat die Ankunft „seines Freitags“ bereits geträumt. „Und Freitag ist gekommen.“

Kruso ist der ungekrönte König von Hiddensee, ein Guru, umgeben von gastronomisch wie philosophisch bestausgebildeter illustrer Runde. Vor allem aber hat auch Kruso vor Jahren einen ähnlichen Schicksalsschlag erlitten wie Ed und sich in der Folge ein ganz eigenes Utopia gezimmert: eine poetisch beseelte und ritualsüchtige vita activa, abseits sozialistischer Ruinen und kapitalistischen Heilsversprechen vermeintlich „blühenden Landschaften“.

150 x Jahres-Vignette 2022 zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Dass auch Krusos Hoffnungen auf eine seltsam-schöne kleine Welt zerplatzt, was dem Roman ein hochdramatisches Finale ermöglicht, liegt letztlich am ganz konkreten zeithistorischem Moment: Das Radio berichtet von zerschnittenem Stacheldraht in Ungarn, von einem „paneuropäischen Picknick“ – und plötzlich kreuzt ein sowjetisches Kanonenboot vor Hiddensee.

Kürzlich erhielt Seiler für „Kruso“ den Uwe-Johnson-Preis. Zudem steht der Roman auf der Shortlist für den am kommenden Montag vergebenen „Deutschen Buchpreis“. Zusammen mit Thomas Hettches „Pfaueninsel“ gilt das Buch sogar als Favorit auf den Titel als „bester Roman des Jahres“. So unsinnig ein solches Etikett im Grunde ist, die zusätzlichen Leser, die die werbewirksamste deutschsprachige Literaturauszeichnung bringt, hätte sich Lutz Seilers großartiges Romandebüt fraglos verdient.

Roman Lutz Seiler: Kruso. Suhrkamp, 480 Seiten, 22.95 Euro.


Kommentieren


Schlagworte