Wenn sich im Unfallwrack der eigene Sohn befindet

Innsbruck – Verkehrsunfall auf der Autobahn. Notarzt, Rettung und Feuerwehr sind alarmiert. Ein Pkw ist gegen die Leitschiene geprallt, nur ...

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Innsbruck –Verkehrsunfall auf der Autobahn. Notarzt, Rettung und Feuerwehr sind alarmiert. Ein Pkw ist gegen die Leitschiene geprallt, nur noch Blechsalat ist übrig.

Einem der Florianijünger fährt der Schreck in die Glieder: Das völlig demolierte Fahrzeug gehört seinem Sohn. Der ist schwer verletzt, bewusstlos, im Wageninneren eingeklemmt. Der Vater muss den jungen Mann aus den Trümmern befreien.

„Fälle wie dieser sind speziell auf dem Land, wo man einander kennt, keine Seltenheit“, sagt Harald Karutz. Er ist Professor für Notfallmanagement an der „Medical School“ in Hamburg und war viele Jahre lang selbst im Rettungsdienst aktiv.

Das dabei erworbene Wissen nützt Karutz, um Mitarbeitern von Blaulichtorganisationen das nötige Rüstzeug für solche Einsätze zu vermitteln, die sich von Routinefällen erheblich unterscheiden: wenn sich Familienmitglieder oder Freunde unter den Opfern befinden oder aber Kinder.

„In beiden Fällen wird der professionelle Schutzschild durchbrochen, den sich die Retter zugelegt haben“, sagt Karutz, der bei den 13. Kriseninterventionstagen in Innsbruck als Gastredner auftrat. „Plötzlich ist man in den Unfall selbst emotional verwickelt. Man kennt die Lebensumstände der Unfallopfer und denkt: ,Die haben doch gerade erst geheiratet und ein Haus gebaut.‘“

Werden Retter zu Einsätzen mit Kindern gerufen, gehen sie schon auf der Einsatzfahrt ein größeres Risiko ein. Karutz: „Eine Studie hat nachgewiesen, dass Einsatzfahrzeuge bei Notrufen mit Kindern schneller fahren. Man denkt an die eigenen Kinder und will besonders engagiert helfen.“

Wie können Blaulichtkräfte ihre Emotionen in den Griff bekommen, welche Strategien gibt es?

Karutz empfiehlt Rettern, denen ein Einsatz persönlich zu nahe geht, im Hintergrund zu bleiben und dort Aufgaben zu übernehmen. Also etwa die Krankentrage bereitzustellen oder Medikamente vorzubereiten.

Ist der Verunfallte ein Freund oder Bekannter, könnte sich der Helfer auch um psychische Unterstützung kümmern, dem Unfallopfer Mut machen. So ist beiden geholfen, dem Unfallopfer und dem emotional mitgenommenen Retter.

Für Kindernotfälle gibt es überdies spezielle Trainingsprogramme, um die Kontrolle über seine Emotionen zu erlernen. Solche Notfälle werden mit Schauspielern nachgestellt, damit Retter möglichst realistisch sehen, was sie bei einem solchen Einsatz erwartet, berichtet Karutz. (mark)


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