Hoffen ja, aber Erwartungen sind gedämpft

Dass die Bischöfe ab heute über Ehe, Familie und Sexualität diskutieren, ist Papst Franziskus zu verdanken. Fortschritt und Kraft liegen in der Symbolik.

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Von Peter Nindler

Innsbruck, Rom – Seit mit Franziskus endlich wieder ein Papst den Blick auf die alltäglichen Schwächen der Menschen richtet und eine gerechtere Kirche anstrebt, besteht wieder Hoffnung. „Jesus versteht unsere Schwächen, unsere Sünden; er vergibt uns, wenn wir uns vergeben lassen“, hat Franziskus vor wenigen Tagen getwittert. Er sieht die Katholiken und die Kirche als Schicksalsgemeinschaft, indem er beide in die Pflicht nimmt. Mit der in Rom beginnenden Bischofssynode zu „Ehe und Familie“ hat der Pontifex ein Zeichen gesetzt, Erwartungen geweckt und Hoffnungen auf eine Hinwendung zu seit Jahren intensiv diskutierten Fragen wie der Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete gestärkt. Es geht um die Annäherung an die heutigen Lebenswelten der Katholiken, die von den vatikanischen Mauern vehement abgeblockt werden.

Doch die außerordentliche Bischofssynode wird am Ende höchstens am Optimismus jener kratzen, die sich unter Franziskus einen wahren Reformturbo in der katholischen Kirche erwarten. Vielmehr werden die 253 Teilnehmer vieles zerreden und abwägen, um die heißen Themen kreisen, sie aber nur behutsam andiskutieren.

Der Vatikan-Fragebogen mit 39 Fragen zu Familie, Ehe und Sexualität, der im November an die Ortskirchen in aller Welt versandt wurde, bildet die Grundlage für die Familiensynode. Die Ergebnisse der Befragung wurden in einem Papier „Instrumentum laboris“ zusammengefasst, das Fragen von der Zukunft der Familie, der Empfängnisverhütung bis zur Homosexualität aufwirft. „Geredet wird über vieles, nur nicht über Änderungen“, bringt es die Süddeutsche Zeitung nüchtern auf den Punkt. Aus Österreich wird Kardinal Christoph Schönborn an der Synode teilnehmen.

Doch das Thematisieren alleine ist zu wenig, wie die Pfarrerinitiativen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich anmerken. „Wir erwarten uns die offizielle Öffnung von Wegen zum Kommunionempfang für (noch) nicht kirchlich verheiratete Partner, für geschiedene Wiederverheiratete und homosexuelle Paare. Geredet wird über vieles, nur nicht über Änderungen“, heißt es denn auch in einem offenen Brief.

Viel Widersprüchliches gelangt derzeit an die Öffentlichkeit. Am Freitag verkündete der Generalsekretär der Bischofssynode, Kurienkardinal Lorenzo Baldisseri, der Papst bemühe sich um „Öffnung“ bei kontroversen Themen, die die Familie betreffen. Andererseits ist kürzlich das Buch „Das Verbleiben in der Wahrheit Christi: Ehe und Kommunion in der katholischen Kirche“ erschienen, das fünf prominente Kardinäle verfasst haben, darunter der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller. Wiederverheiratete Geschiedene sollen demnach weiter von der Kommunion ausgeschlossen werden.

Aber gerade in den vergangenen Wochen wurde die Lockerung des Sakramentsverbots intensiv diskutiert. Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer hofft, dass die „Synode das prinzipielle Verbot der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene“ überwindet. Eine „undifferenzierte Absolution“ lehnt er jedoch ab, Verzeihung und Versöhnung rückte Scheuer in einem TT-Gespräch in den Vordergrund. So deutlich hat es bisher noch kein österreichischer Bischof formuliert, es wird auch keiner in die verbalen Fußstapfen des Innsbrucker Oberhirten treten. Die Bischofskonferenz mit ihrem Vorsitzenden Christoph Schönborn ist hier hingegen im Seitwärtsgang unterwegs.

Scheuer will Ehe und Familie jedoch nicht auf kirchliche Herausforderungen für wiederverheiratete Geschiedene reduzieren, insgesamt sieht er die Familie als „die grundlegende Zelle der Gesellschaft“. Aber keinesfalls undifferenziert. „Es gibt Hoffnungen und Ängste, es gibt das Streben und Verlangen nach Glück und Gelingen von Beziehung ebenso wie die Erfahrung von Leid, Enttäuschung, Brüchen und Scheitern“, hinterfragt er den gesellschaftlichen und kirchlichen Stellenwert von Familie. Doch Scheuer gibt auch Antworten: „Dem Anliegen von Ehe und Familie haben wir uns in allen Ebenen zu stellen. Das gilt für die Pastoral vor Ort, für uns als Diözese, für die Theologie oder Weltkirche.“

Obwohl die Hoffnungen groß und die Erwartungen in die Familiensynode gedämpft sind: Papst Franziskus hat einen Diskussionsprozess eingeleitet, der langsam sickert und vielleicht erst in einigen Jahren sichtbare Ergebnisse bringen wird. Doch für sein Pontifikat und den angestrebten Kurswechsel benötigt er schon jetzt Rückenwind.

Bischofssynode zu Ehe und Familie

Was ist eine Synode. Die Bischofssynode der katholischen Kirche ist ein Beratungsorgan des Papstes. Die Einrichtung geht auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) zurück. Das Kollegium der Bischöfe soll durch die Synode den Papst in seiner Leitungsaufgabe unterstützen. Er beruft sie ein und legt das Thema fest. In der Regel trifft sich die ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode alle drei Jahre. Die Beschlüsse sind nicht verbindlich.

Am Beginn stand der Fragebogen.

Die außerordentliche Familiensynode vom 5. bis 19. Oktober in Rom war vom Papst im Vorjahr nach Gesprächen mit seinen acht Berater-Kardinälen einberufen worden. Die Kluft zwischen kirchlichem Familienideal und Praxis steht im Zentrum des Arbeitspapiers.­ Das im Juni präsentierte „Instrumentum laboris“ stellt die Herausforderungen für die Kirche mit Blick auf die Familie im 21. Jahrhundert dar. Dafür hat der Heilige Stuhl auch die verschickten Fragebögen zur Familie ausgewertet.

253 Teilnehmer.

Von den weltweit 5000 Bischöfen werden die Vorsitzenden von 114 Bischofskonferenzen, 13 Oberhäupter mit Rom unierter Kirchen des Ostens, die Chefs von 25 Vatikanbehörden, die Mitglieder des ordentlichen Rats, der Generalsekretär und Untersekretär sowie drei Ordensvertreter teilnehmen. Außerdem stehen 16 Experten sowie 38 Gasthörer, darunter 13 Ehepaare, auf der Teilnehmerliste. Insgesamt nehmen 30 Frauen, darunter eine Ordensschwester, an der außerordentlichen Synode teil.

Abschlussdokument soll verabschiedet werden.

Zum Abschluss soll die Synode ein Dokument verabschieden, das vom Papst ohne Änderungen gedruckt werden soll. Das ist eine Neuigkeit, denn bisher hatte die Synode dem Pontifex lediglich einen Text mit Vorschlägen vorgelegt. Im kommenden Jahr findet dann eine ordentliche Bischofssynode zum Thema „Die pastoralen Herausforderungen im Hinblick auf die Familie im Kontext der Evangelisierung“ statt.


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