Bosnien-Wahlen - Parteien-Wildwuchs

Sarajevo (APA) - Kurz vor dem Wahltermin nehmen in Bosnien regelmäßig viele neue Parteien plötzlich ihre Arbeit auf. Nur wenige, zumeist eta...

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Sarajevo (APA) - Kurz vor dem Wahltermin nehmen in Bosnien regelmäßig viele neue Parteien plötzlich ihre Arbeit auf. Nur wenige, zumeist etablierte Gruppierungen schaffen den Sprung ins Parlament.

Um die Posten in den zur Wahl stehenden Institutionen bemühen sich 50 Parteien, 24 Bündnisse und 24 unabhängige Kandidaten. Insgesamt wurden von der staatlichen Wahlkommission 732 Kandidatenlisten mit 7.743 Kandidaten bestätigt. Die Zahl der Parteien hat sich damit gegenüber 2010 fast verdoppelt.

Im Folgenden die führenden Parteien:

Die Partei der Demokratischen Aktion (SDA) ist seit Jahren die führende Partei der bosniakischen (muslimischen) Volksgruppe. Die Mitte-rechts-Partei, deren langjähriger Chef Sulejman Tihic Ende September einem Krebsleiden erlag, tritt für die Stärkung der gesamtstaatlichen Institutionen ein, was die Vertreter der bosnischen Serben beharrlich ablehnen.

Die Sozialdemokratische Partei (SDP) des derzeitigen Außenministers Zlatko Lagumdzija konnte ihre Position als eine der wenigen multiethnischen Kräfte nicht festigen. Mit einem erneuten Wahlsieg im größeren Landesteil, der Bosniakisch-Kroatischen Föderation, wie im Jahr 2010 kann die SDP nicht rechnen. Im Wahlkampf warb Lagumdzija mit Reformbemühung zur EU-Annäherung.

Gute Erfolgsaussichten hat die im Vorjahr gebildete Demokratische Front (DF). Wie reformfreudig die DF von Zeljko Komsic, dem derzeitigen kroatischen Staatspräsidiums-Mitglied tatsächlich ist, muss sie nach entsprechenden Erklärungen erst unter Beweis stellen.

Ein gutes Resultat erwartet sich auch der Bund für eine Bessere Zukunft (SBB) des früheren Innenministers Fahrudin Radoncic. Er kann davon profitieren, dass er im Frühjahr die Sozialproteste im Land offen unterstützte.

Im kleineren Landesteil, der Serbischen Republik, dürfte der Bund der Unabhängigen Sozialdemokraten (SNSD) tonangebend bleiben. Sein für separatistische Bestrebungen bekannter Chef Milorad Dodik hat sich die bei den Serben gut ankommende Unterstützung des russischen Präsidenten Wladimir Putin geholt. Um von ihm empfangen zu werden, musste Dodik einen Moskau-Aufenthalt verlängern. Dodik selbst bewirbt sich erneut um das Präsidentenamt im serbischen Landesteil.

Die Serbische Demokratische Partei (SDS), die frühere Partei des wegen Völkermordes angeklagten Radovan Karadzic und ihr Chef Mladen Bosnic haben sich als Kritiker des SNSD profiliert. Für einen Wahlsieg in der Republika Srpska dürfte dies nicht ausreichen.

Die kroatische Volksgruppe dürfte auch im künftigen Parlament von zwei Parteien vertreten sein: der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) und der kleineren HDZ-1990. Sowohl die von Dragan Covic geführte HDZ als auch die HDZ-1990 von Martin Raguz wollen einen separaten kroatischen Landesteil. So wie Dodik für seine Abspaltungstendenzen nicht die Unterstützung Belgrads hat, haben sie Covic und Raguz für ihr Anliegen nicht aus Zagreb. Serbien und Kroatien haben Ende 1995 das Dayton-Friedensabkommens mitunterzeichnet, dass die staatlichen Strukturen Bosniens mit zwei Landesteilen - einem muslimisch-kroatischen und einem serbischen - festlegt.


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