Liberal oder konservativ: Die Ideologie in unseren Seelen

Wem wir in der Wahlkabine unsere Stimme geben, hängt auch von unserer Persönlichkeit ab. Schon das Verhalten von Kindern lässt erahnen, ob sie später eher liberal oder konservativ werden.

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Von Floo Weißmann

New York – Zwei Wochen vor der Kongresswahl in den USA präsentiert sich die Supermacht tief gespalten: hier die Liberalen, die zumeist für einen Demokraten stimmen; und dort die Konservativen, die zumeist für einen Republikaner stimmen. Über den Ausgang der Wahl entscheidet, wer seine Anhänger besser mobilisiert. Denn die ideologische Grundhaltung eines Wählers ist weniger beeinflussbar, als es die Debatten vermuten lassen. Wie liberal oder konservativ jemand lebt und wählt, wurzelt häufig in seiner Persönlichkeit und bildet sich sogar in den Gehirnstrukturen ab. Die TT sprach darüber mit dem Psychologieprofessor John T. Jost, Co-Direktor des Zentrums für soziales und politisches Verhalten an der Universität von New York.

Konservative - Pflicht und Ordnung

Persönlichkeit.

Konservative punkten in Tests unter anderem überdurchschnittlich hoch bei Ordnung, Pflichtgefühl, Reinlichkeit, Gehorsam und Höflichkeit.

Wahlverhalten.

In den USA stimmen Menschen, die sich als konservativ bezeichnen, zumeist für Kandidaten der Republikaner (Parteimaskottchen: Elefant).

Politische Konjunktur.

Günstig für konservative oder rechtsgerichtete Politiker scheinen als gefährlich empfundene Zeiten zu sein.

Gehirnstruktur.

Konservative sollen im Schnitt eine größere Amygdala haben, die u. a. als Angstzentrum gilt.

Haushalt.

Forscher fanden heraus, dass konservative Amerikaner häufiger Gegenstände wie Kalender, Nähzeug, Bügeleisen und Flagge in ihren Wohnungen haben und dass ihre Wohnungen heller beleuchtet sind.

Liberale - Neue Erfahrungen

Persönlichkeit.

Typische Liberale suchen geradezu nach neuen Erfahrungen und sie können besser eine emotionale Verbindung zu anderen Menschen herstellen.

Wahlverhalten.

In den USA stimmen Menschen, die sich als liberal bezeichnen, vorwiegend für Kandidaten der Demokratischen Partei (Parteimaskottchen: Esel).

Politische Konjunktur.

Liberale Politiker dürften sich in so genannten guten Zeiten tendenziell leichter tun.

Gehirnstruktur.

Liberale sollen im Schnitt einen größeren anterioren cingulären Cortex haben, der u. a. dafür zuständig ist, innere Konflikte zu lösen und so das eigene Handeln zu steuern.

Haushalt.

In Wohnungen von amerikanischen Liberalen finden sich häufiger viele verschiedene Bücher und Musiktitel sowie internationale Landkarten und Reisetickets.

1. Was für Menschen sind prototypische Liberale und Konservative? – In Persönlichkeitstests punkten Liberale höher bei der Offenheit für neue Erfahrungen. Jost: „Der typische Liberale setzt sich einem breiteren Spektrum an kulturellem Material aus – Musik, Bücher, Reisen, Kunst –, und er ist allgemein neugieriger und kreativer und strebt nach verschiedenen Erfahrungen.“ Konservative dagegen punkten höher bei Gewissenhaftigkeit – „vor allem bei bestimmten Aspekten wie Ordnung, Pflichtgefühl, Reinlichkeit und Gehorsam gegenüber Regeln und Autoritäten“.

Dazu kommen Unterschiede im sozialen Umgang: Konservative sind tendenziell höflicher, Liberale stellen besser eine emotionale Verbindung her. Allerdings, das betont Jost, geht es hier immer nur um Korrelation – einen statistischen Zusammenhang –, nicht um Aussagen über jeden Einzelnen.

2. Lässt sich das Muster auf ganze Länder umlegen? – Ja. Studien von Jost und anderen zeigen, dass das Wahlverhalten von US-Bundesstaaten mit den dort verbreiteten Persönlichkeitsmustern in Zusammenhang steht. Zum Beispiel sind Menschen an den Küsten und in Städten im Schnitt offener für neue Erfahrungen, und genau in diesen Regionen liegen zugleich die Hochburgen der Demokraten.

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3. Woher kommen diese Unterschiede in der Persönlichkeit? – Nach dem aktuellen Stand der Forschung ist die Persönlichkeit zum Teil genetisch angelegt und zum Teil ein Produkt von Umwelteinflüssen. Das bedeutet, dass auch die Ideologie und somit indirekt das Wahlverhalten bis zu einem gewissen Grad genetisch vererbt werden – laut Jost zu etwa 30 bis 50 Prozent. Grundlage für diese Schätzung sind unter anderem Studien an eineiigen sowie an zweieiigen Zwillingen, die in unterschiedlichen Umgebungen aufgewachsen sind.

4. Gibt es also ein Gen für liberale bzw. konservative Einstellungen? – Nein. Aber ein bestimmtes Temperament führt offenbar dazu, dass jemand sich eher von Ideen der Linken oder der Rechten angezogen fühlt. Jost verweist dabei auf Langzeitstudien. Demnach sind Menschen, die als Kinder gehemmter und kontrollierter waren, später eher konservativ geworden. Und Menschen, die als Kinder entdeckungsfreudiger, selbstbewusster und durchsetzungsfähiger waren, wurden als Erwachsene eher liberal.

5. Wie erklärt sich dann, dass ein Land politisch nach links oder rechts rücken kann? – Laut Jost haben Menschen eine Grundtendenz in ihrer Persönlichkeit, „aber Situationen können uns bis zu einem gewissen Grad in die eine oder andere Richtung ziehen – etwa eine Wirtschaftskrise, Kriege oder ein Terrorangriff. Es gibt einige Belege für eine konservative Wende in der amerikanischen Politik nach 9/11.“ Tendenziell begünstigen also bedrohliche Umstände eher konservative oder rechte Politiker; und Zeiten, in denen sich die Menschen sicherer fühlen, kommen eher liberalen Politikern zugute.

Die Psychologen können auch zum Teil erklären, warum Menschen manchmal gegen ihre Interessen zu stimmen scheinen. Ein Beispiel sind Menschen mit niedrigen Einkommen, die rechtsgerichtete Politiker wählen, obwohl diese sich weniger für Umverteilung einsetzen. „Arme Leute haben es typischerweise mit bedrohlicheren Umständen zu tun“, sagt Jost.

6. Was sagt die Neurowissenschaft dazu? – Sie bestätigt die Ergebnisse der Psychologen. Beispiel: Bei Liberalen ist eine Gehirnregion namens anteriorer cingulärer Cortex tendenziell größer als bei Konservativen; diese Region verarbeitet widersprüchliche Impulse und hilft somit beim Navigieren in einer komplexen Welt. Konservative hingegen haben tendenziell eine größere Amygdala – das Angstzentrum im Gehirn. Diese Unterschiede sind nicht notwendigerweise angeboren, denn die Gehirnstrukturen verändern sich durch unsere Erfahrungen. Jost: „Dass es Gehirnregionen gibt, die derart übereinstimmen mit unseren psychologischen Theorien, das war für mich das Aufregendste in den vergangenen Jahren.“

7. Sind die Erkenntnisse der Psychologen weltweit gültig? – Sie lassen sich dort anwenden, wo Menschen aus einem ideologischen Spektrum auswählen können – also im Wesentlichen in Demokratien. Allerdings wird in Europa statt liberal/konservativ üblicherweise das Begriffspaar links/rechts verwendet. Jost verweist darauf, dass die Unterscheidung zwischen den ideologischen Polen keine amerikanische Erfindung ist, sondern auf die französische Revolution zurückgeht. Er spricht von einer „sehr effektiven und aussagekräftigen philosophischen Dimension“, die die Politik in Europa, Nord- und Lateinamerika beschreibe. In all diesen Ländern seien die Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Ideologie sehr ähnlich.


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