Auf das Bauchgefühl hören
Fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen, hat keinen Nutzen, kritisiert Udo Pollmer gängige Ernährungsempfehlungen. Sein Tipp: beim Essen nicht verkopfen.
Innsbruck – Seit seinem Buch „Iss und stirb – Chemie in unserer Nahrung“ gilt Udo Pollmer, bayerischer Lebensmittelchemiker, als streitbarer Wissenschafter. Mittlerweile sind mehr als 30 Jahre vergangen. Pollmer ist Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München und wettert gegen die übliche Ernährungsberatung. Vor Kurzem war der Deutsche bei einem Vortrag in Innsbruck, wo ihn die TT zum Gespräch traf.
I st Ihnen wichtig zu wissen, was Sie den ganzen Tag gegessen haben? Können Sie sich daran erinnern?
Udo Pollmer: Das ist mir vollkommen wurst. Ich erinnere mich auch nicht daran, was und wie viel ich den ganzen Tag geatmet habe oder wann ich mich das letzte Mal geschneuzt habe. Der Mensch muss essen und trinken, denn das hält Leib und Seele zusammen. Wenn er beginnt, ständig darüber nachzudenken, dann bekommt er Probleme.
Fettarm, salzarm, kalorienarm: Die Ernährungswissenschaft gibt viele Empfehlungen. Damit können Sie wenig anfangen ...
Pollmer: Das ist das Geschäft der Ratschläger. Wer der Bevölkerung Ratschläge gibt, sollte vorher nachweisen, dass dieser Ratschlag auch einen Nettonutzen hat und praktikabel ist. Leider gibt es für keine Empfehlung der Ernährungswissenschaft, die von den Medien verbreitet wird, den Beleg eines Nutzens, der die in der Wissenschaft üblichen Anforderungen erfüllt. Wir haben aber in vielen Fällen Belege, dass sie schadet.
Nennen Sie ein Beispiel ...
Pollmer: Z.B. die Empfehlung, fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen. Wir haben bis heute nicht eine einzige Interventions-Studie, die einen Nutzen belegt hätte. Die Daten des deutschen Robert-Koch-Institutes zeigen, dass parallel zur Kampagne Darmkrankheiten massiv zugenommen haben. Auch ein Innsbrucker Mediziner hat mir damals berichtet, dass kaum vier Wochen nach Beginn der Kampagne seine Praxis gefüllt war mit Frauen mit Verdauungsproblemen. Es verträgt halt nicht jeder ständig Obst und Gemüse.
Sie sagten einmal „Der Körper fordert ein, was er braucht.“ Sollen wir nur auf das eigene Bedürfnis, den eigenen Gusto hören?
Pollmer: Das ist wie in der Erziehung: Je mehr Erziehungsratgeber Sie gelesen haben, desto schwieriger wird der Umgang mit ihren Kindern. Sie verlieren Ihre Unbefangenheit. Ein Fuchs hat auch keine Ernährungsberaterin zur Seite, die ihm erklärt, ob er Nachbars Hühner fangen soll oder Engerlinge und Würmer gesünder wären. Trotzdem funktioniert es.
Man merkt es bei Ihren Aussagen: Sie sind sehr provokant. Ist das nötig, um mit seinen Botschaften anzukommen?
Pollmer: Die Botschaften wirken nur, wenn sie auch hängen bleiben. Wer verstanden werden will, muss sich klar ausdrücken. Aber es steht jedem Journalisten und jeder Zeitung frei, statt griffiger Schlagzeilen ausgewogene Formulierungen als Überschriften zu wählen.
Kann man dann überhaupt Tipps für eine gesunde Ernährung geben?
Pollmer: Schauen Sie Ihre Leser vor Ihrem geistigen Auge an: Die sind alle anders. Nicht nur in Größe, Form und Farbe. Wer wenig Magensäure hat, isst eben gern Saures und greift beim Frühstück zum Orangensaft oder einem Becher roter Grütze. Wer viel Magensäure hat, dem ätzt das eher ein Loch in den Magen. Der Stoffwechsel unterscheidet sich von Mensch zu Mensch in gleichem Maße wie sein Immunsystem. Weil die Leute so verschieden sind, sind pauschale Ernährungsempfehlungen gefährlich. So etwas ist bestenfalls für Klonschweine gut. Der Mensch soll essen, was ihm bekommt. Unbekömmliches kann nun mal nicht „gesund“ sein, egal, wer es empfiehlt.
Appellieren Sie an den Hausverstand der Menschen? Dass sie wieder mehr darauf hören, was ihnen persönlich gut tut ...
Pollmer: Genau das. Was haben die Tiroler früher gegessen? Mehlspeisen, Teebutter auf Weißbrot, Speck, Knödel und viel Fleisch. Wenn dann erzählt wird, dass die Menschen früher gesund waren dank ihrer Ernährung, kann irgendetwas nicht stimmen. Denn diese Lebensmittel werden heute oft als ungesund abgetan.
Sie sind also der Meinung, dass Ernährungswissenschafter selbst wissen, dass sie Ihrer Meinung nach Unwissen verbreiten?
Pollmer: Was bitte ist davon zu halten, wenn 20 Jahre lang erzählt wird, dass Kaffee ein Flüssigkeitsräuber ist, obwohl jeder weiß, dass man Kaffee mit Wasser aufbrüht – und nur dieses heiße Wasser getrunken wird? Was ist davon zu halten, wenn die Österreichische Gesellschaft für Ernährung ausdrücklich empfiehlt, zu „trinken bevor der Durst kommt. Durst ist ein bereits zu spätes Warnsignal.“? Vielleicht sollen die Österreicher demnächst aufs Klo gehen, bevor sie müssen, oder aufstehen, bevor sie wach sind.
Das Gespräch führte Deborah Darnhofer
Kommentare