1914/2014: Waffe und Wissenschaft in Österreich einst eng verzahnt

Wien (APA) - Der Erste Weltkrieg war nicht nur Katalysator für viele kriegsspezifische Innovationen von Tablette bis U-Boot-Ortung per Schal...

Wien (APA) - Der Erste Weltkrieg war nicht nur Katalysator für viele kriegsspezifische Innovationen von Tablette bis U-Boot-Ortung per Schall. Auch „das Zusammenwirken von universitären Einrichtungen, Militär und Industrie wurde da erst erfunden“, wie Wissenschaftshistoriker Wolfgang Reiter im APA-Interview erklärte. Eine Publikation versucht nun, die Auswirkung dieser neuen Verbindungen zu skizzieren.

Bereits im Herbst des vergangenen Jahres beschäftigte sich ein Symposium der Ignaz-Lieben-Gesellschaft mit diesem Themenkomplex. Heute, Dienstag, wird der Tagungsband „Wirtschaft, Technik und das Militär 1914-1918. Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“ an der Technischen Universität Wien präsentiert. „Bis jetzt hat es relativ wenige grundlegende Untersuchungen zum military-scientific-industrial-complex gegeben“, schilderte Herausgeber Reiter. Mit dem Band, der sich nicht nur auf Österreich, sondern auch auf die Kronländer konzentriert, will man nun einen ersten „Türöffner“ vorlegen.

Egal ob die Ortung von U-Booten, erste Hubschrauberexperimente oder die Entwicklung eines Windkanals, der Tests mit Aeroplanen erlaubte: Die Forschungslandschaft in Österreich-Ungarn sei eher kriegsspezifisch geprägt gewesen, meinte Reiter. Grundlagenforschung habe kaum eine Rolle gespielt, in Sachen Wissens- und Forschungsleistungen „hätte ich mir mehr erwartet“, so Reiter. Die Monarchie blieb in vielen Bereichen hinter Verbündeten und Gegnern zurück, beispielsweise bei der Flugzeugproduktion.

Statt in eigene Forschung zu investieren, kaufte man hauptsächlich beim Deutschen Reich ein - obwohl die Aviatik (Luftfahrt, Anm.) in Österreich-Ungarn vor Kriegsbeginn preisgekrönt war. „Hier hat man schlicht falsche Prioritäten gesetzt“, vermutete der Historiker. Dennoch habe es in den Ergebnissen auch Überraschungen gegeben: So hätten die Bestrebungen der militärischen Führung, Gas als Waffe zu erforschen, etwa ab 1912 - also lange vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs - begonnen.

Andere Wissenschaften erfuhren ebenfalls Aufschwünge: Mit der wachsenden Bedeutung von Giftgas wurde beispielsweise auch Meteorologie zunehmend wichtiger und leistete „erstmals einen Beitrag als militärische Ressource“, so Reiter. Während Exzellenzleistungen in einzelnen Bereichen kaum vorkamen, funktionierte zumindest die Vernetzung: Das k. u. k. technische Militärkomitee funktionierte als Schaltstelle zwischen Forschung und Industrie, prüfte Vorschläge, führte selbst Untersuchungen durch und erteilte Aufträge an die Industrie.

„Gab es die Netzwerke zwischen Militär und Erfindern, waren sie dienlich und hilfreich. Wer ohne sie auskommen musste, hatte es deutlich schwieriger“, meinte der Historiker. Das Archiv des Komitees entdeckten die Wissenschafter bisher weitgehend unbeforscht im Österreichischen Staatsarchiv, von den unzähligen Kartons erhofft sich Reiter in Zukunft weitere Erkenntnisse über die Kriegsstrategie sowie die Kampfmittelforschung der Monarchie.

(S E R V I C E - Herbert Matis, Juliane Mikoletzky, Wolfgang Reiter (Hg.): „Wirtschaft, Technik und das Militär 1914-1918. Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“, LIT-Verlag, 376 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-643-50635-1, Buchpräsentation am 21. Oktober, 18:30 Uhr, Boeckl-Saal, Technische Universität Wien, Hauptgebäude, 1. Stock, Karlsplatz 13, 1040 Wien)