„Mordors Schatten“: Assassin‘s Creed in Mittelerde
Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden, sagt das Sprichwort. Und diesen Rat nimmt sich „Mittelerde: Mordors Schatten“ zu Herzen. Denn obwohl uns der Rachefeldzug im „Herr der Ringe“-Universum spielerisch sehr bekannt vorkommt, unterhält er bestens.
Von Lukas Schwitzer
Innsbruck – Der Spiele-Publisher Ubisoft hat in den letzten Jahren seinen Spielen ein klares Schema verpasst. In Open-World-Gebieten muss an gewissen Punkten die Karte aufgedeckt werden, wodurch neue Missionen und Sammlerobjekte sichtbar werden. Dann gilt es, mehr oder weniger heimlich eben diese Missionen durchzuspielen, feindliche Festungen zu infiltrieren und neue Fähigkeiten oder Gadgets freizuschalten. Dass das Schema funktioniert, zeigen nicht nur die großartigen Verkaufszahlen der „Assassin‘s Creed“-Reihe und von „Far Cry 3“, sondern auch der enorme Spielspaß, den diese Titel bieten. Warum sollte man sich also nicht an einem solchen Erfolgsrezept versuchen, dürfte sich auch Entwickler Monolith (F.E.A.R.) und Publisher Warner Bros. gefragt haben.
„Das kommt mir doch bekannt vor“
Denn dass sich „Mittelerde: Mordors Schatten“ an diesen großen Vorbildern orientiert, kann nicht verheimlicht werden. Natürlich wird auch in anderen Spielen geklettert und geschlichen. Aber selbst die Animationen des Protagonisten Talion erinnern klar an die geschickten Assassinen. Spiele-Veteranen werden also das Gefühl haben, „Mordors Schatten“ bereits einmal gespielt zu haben. Und trotzdem bietet das Uruk-Gemetzel jede Menge Spielspaß. Denn die Spielmechanik ist teilweise sogar besser umgesetzt als in den großen Bruder-Spielen.
Doch erst einmal die Story, die schnell erklärt ist. Talion ist ein Waldläufer von Gondor und – zeitlich zwischen den Ereignissen des „Hobbit“ und der „Herr der Ringe“-Trilogie angesetzt – beauftragt, das schwarze Tor an der Grenze zu Mordor zu bewachen. Als der böse Lord Sauron nach einer längeren Erholungs-Auszeit wieder sein Domizil in dem dunklen Land bezieht, werden auch seine Handlanger wieder aktiv. Und überrennen den Stützpunkt, den Talion und seine Kollegen ihr Zuhause nennen. Alle Waldläufer werden dahingemetzelt, nur Talion steht aus noch unbekannten Gründen von den Toten auf. Und muss sich seinen Körper plötzlich mit dem Geist eines uralten Elben teilen, der ebenso nach Rache an Saurons Handlangern sinnt. Und so geht das 2-in-1-Rächerteam auf einen Feldzug durch die Ränge der Uruks von Mordor.
Eine lose Hierarchie
Die Uruks sind es auch, denen in den beiden weitläufigen Gebieten von „Mordors Schatten“ Paroli geboten werden muss. Und bei denen das im Vorfeld so angepriesene Nemesis-System zum Tragen kommt. Denn die Uruk-Horden haben eine klare Hierarchie. Und die Befehlshaber dieser Strukturen begegnen Talion immer wieder. Schafft es einer der unansehnlichen Schlächter, uns zu töten, steigt er im Rang auf und ist fortan selbst Befehlshaber. Und auch ansonsten ist das System oft in Bewegung. Schalten wir unsererseits einen Uruk-Chef aus, rücken aus den unteren Rängen neue Kämpfer nach. Und jeder bringt Fähigkeiten und Schwächen mit, die wir durch das Befragen von speziell gekennzeichneten Fußsoldaten herausfinden können. Hat uns einer der Kapitäne dann bereits mehrmals den Garaus gemacht, kann auch wirklich die von Warner Bros. versprochene Rivalität entstehen. Hat man sich das Kampfsystem aber erst einmal zu eigen gemacht, passiert dies immer seltener und die Gegner tragen Namen, mit denen man kaum noch etwas verbindet. Allerdings flüchten diese auch gerne einmal und belästigen uns dadurch immer wieder.
Das Kampfsystem selbst erinnert sehr stark an jenes aus der „Batman: Arkham“-Reihe. Mit einem Knopf schlägt man zu, mit einem anderen kann pariert werden, wenn über den Köpfen der Gegner ein Symbol erscheint. Wieder ein anderer erlaubt es, zur Seite zu rollen oder über Feinde zu springen. Die Kämpfe sind prinzipiell auch recht einfach gestrickt. Einzelne Gegner, auch die erwähnten Befehlshaber, haben Talion nichts entgegenzusetzen. Erst, wenn größere Gruppen angreifen, unter denen sich auch Gegner befinden, die auf bestimmt Weise, etwa von hinten, angegriffen werden müssen, wird es haarig. Klüger ist es da oft, erst einmal mit dem Bogen Unruhe zu stiften. Viele Treffer hält Talion auch nicht aus, bevor er auf die Knie geht und in einem letzten Aufbäumen versuchen kann, doch noch einen Uruk mit ins Grab zu nehmen. Nach dem theatralischen Exitus erwachen wir wieder in einem der leuchtenden Türme, die in Mordor verstreut sind und uns als Startpunkt und zur Karten-Aufklärung dienen.
Nicht neu, aber auch nicht altbacken
Technisch ist „Mordors Schatten“ hübsch anzusehen, es ist aber klar erkennbar, dass es sich nicht um einen reinen Next-Gen-Titel handelt, sondern das Spiel auch für Playstation 3 und Xbox 360 erscheint. Das stört aber auch auf den neueren Konsolen nicht besonders. Zwar ist besonders das Anfangsgebiet von Grau- und Brauntönen geprägt, immer wieder kommen aber auch starke Farbakzente ins Spiel. Und auch die Uruk-Chefs bekommen immer ein spezielles Aussehen verpasst, das sie vom bösen Fußvolk abhebt. Sound und Sprecher sind großartig, sowohl in der englischen als auch in der deutschen Fassung. Zwar werden alte Bekannte wie Gollum im Original nicht von den Filmsprechern intoniert, im Deutschen aber bekommen wir die Stimmen der bekannten Synchronsprecher zu hören.
Der schwächste Punkt von „Mordors Schatten“ ist ganz klar die Story. Über einen simplen Rachefeldzug kommt diese praktisch nie hinaus. Zwar versuchen sich die Entwickler von Monolith an spannenden Themen wie etwa einer wackeligen Allianz zwischen Talion und einem machthungrigen Uruk, oft schienen die Autoren aber selbst nicht zu wissen, wohin sie mit der Geschichte wollten. Besonders schade ist das, weil Mittelerde genug Material für etliche spannende Geschichten bieten könnte. Dieses Potenzial wird aber kaum genutzt. Und trotzdem bringt die Spielwelt den Charme der Vorlage zumindest zum Teil auf den Bildschirm. Fans werden sich in jedem Fall wohlfühlen.
Fazit
„Mordors Schatten“ macht Spaß. Viel Spaß sogar. Zumindest, wenn man die uninspirierte Story und die altbekannte Spielmechanik ignoriert. Denn Monolith hat sich tatsächlich aus großen Vorbildern die besten Elemente herausgepickt und zu einem perfekt funktionierenden System zusammengeflickt. Manche Dinge funktionieren sogar besser. Ubisoft kann sich für das nächste „Assassin‘s Creed“ etwa abschauen, wie ein Übergang von Schleichen zu Klettern zu funktionieren hat. Wer sich aber erhofft, in eine epische Geschichte à la „Herr der Ringe“ eintauchen zu können, wird enttäuscht werden. Dafür sollte man sich besser mit einem DVD-Triple-Feature und ausreichend Popcorn ausstatten.
Unsere Bewertung: 8/10
Entwickler: Monolith Productions
Publisher: Warner Bros. Interactive Entertainment
„Mittelerde: Mordors Schatten“ ist für Windows, Playstation 3 und 4 sowie Xbox 360 und One erhältlich.
Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt von Warner Bros. via Delasocial.
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