Lebenslange Haft für Mord in Wiener Cafe
Ein 72-Jähriger saß in Wien vor dem Richter: Er hat im April einen Kontrahenten in einem Lokal in Wien erstochen. Die Geschworenen entschieden auf Mord.
Wien – Jener 72-jährige, der am 26. April 2014 in einem Cafe in Wien-Meidling einen 42 Jahre alten Lokalgast erstochen hatte, ist am Dienstagabend im Straflandesgericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Geschworenen entschieden mit sechs zu zwei Stimmen auf Mord, zudem wurde der 19-fach Vorbestrafte in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.
Der Mann habe bereits zum zweiten Mal aus nichtigem Anlass ein Leben ausgelöscht, verwies die vorsitzende Richterin Sonja Weis in der Urteilsbegründung auf das Strafregister des Mannes, der in den 1980er-Jahren in Berlin wegen Totschlags sieben Jahre im Gefängnis verbüßt hatte. Insgesamt weist der 72-Jährige 19 Vorstrafen auf. Über dreißig Jahre seines Lebens hat er in Haft verbracht. Weis bescheinigte ihm im Hinblick darauf eine „hemmungslose Gewaltdelinquenz“. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Der Angeklagte meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an.
Der 72-Jährige hatte nach Mitternacht das Cafe „Pronto“ betreten, nachdem er seit dem Nachmittag dem Alkohol zugesprochen hatte. An die zwanzig Spritzer will er intus gehabt haben, als er sich neben den Tisch setzte, an dem sich sein späteres Opfer mit einigen Begleitern unterhielt. Man kam miteinander ins Gespräch und bestellte eine Runde Schnaps.
Als die Kellnerin um 2.15 Uhr die Sperrstunde ausrief, warteten alle darauf, dassder Täter – wie von ihm angekündigt – die offene Runde übernehmen würde. Weil er das nicht tat, wurde er von der Freundin des 42-Jährigen angeblich beleidigt. Er schimpfte zurück, worauf ihm das Opfer einen Stoß versetzte, sodass der 72-Jährige rücklings samt dem Sessel zu Boden stürzte.
Opfer starb an Herz-Kreislauf-Versagen
Als sein Kontrahent ihm aufhelfen wollte, zückte der Mann ein Klappmesser und versetzte seinem Widersacher laut Anklage einen wuchtigen Stich in die Brust und einen zweiten in den Bauch. „Er hatte schlicht und einfach keine Chance, die Messerstiche zu überleben“, sagte Staatsanwältin Viktoria Berente. Der eine traf das Herz, der zweite öffnete eine Vene. Obwohl rasch ärztliche Hilfe zur Stelle war, hatte der 42-Jährige bis zur Notoperation im nächstgelegenen Spital zwei Liter Blut verloren. Er starb an einem Herz-Kreislauf-Versagen infolge des massiven Blutverlusts.
Der Angeklagte hatte nach den Stichen das Messer wieder zusammengeklappt, in die Hosentasche gesteckt und das Cafe „Pronto“ verlassen. Er wurde von der Polizei unweit des Lokals in einem Gebüsch aufgegriffen, wo er sich zu verstecken versucht hatte.
„Zuerst möchte ich sagen, dass es mir leidtut“
Vor den Geschworenen gab der abgebrüht wirkende Mann an, sich an nichts mehr erinnern zu können. Er wisse nicht einmal mehr, dass er das Lokal betreten habe: „Das nächste, was ich weiß, ist im Spital, wo ich am Kopf genäht worden bin.“ Grundsätzlich merkte er an: „Zuerst einmal möchte ich sagen, dass mir der Tod leidtut. Zum anderen möchte ich sagen, dass die Aggression ausschließlich von ihm ausgegangen ist.“
Laut Gutachten hatte der Angeklagte zum Tatzeitpunkt knapp drei Promille Alkohol im Blut. Der 72-Jährige soll aber an Alkohol gewöhnt gewesen sein und sich keineswegs in einem die Zurechnungsfähigkeit ausschließenden Zustand befunden haben. Seine Steuerungsfähigkeit sei „vermindert, aber nicht aufgehoben“ gewesen, so die Expertise der Gerichtspsychiaterin Gabriele Wörgötter. Der Gutachterin zufolge weist der Mann aber eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung auf, die erwarten lässt, dass er neuerlich Straftaten mit schweren Folgen begehen wird. Wörgötter empfahl daher, ihn im Fall eines Schuldspruches in den Maßnahmenvollzug einzuweisen. (APA)