52. Viennale - Politische Dokus: Aus der Ferne die Schüsse

Wien (APA) - Wieder ertönt aus den Lautsprechern auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew, die ukrainische Nationalhymne. Es ist Wi...

Wien (APA) - Wieder ertönt aus den Lautsprechern auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew, die ukrainische Nationalhymne. Es ist Winter, die Menschen nehmen trotzdem ihre Mützen ab. Sergei Loznitsa filmt in die Menge, nicht auf die Bühne, wo Präsident Janukowitsch verteufelt wird. „Maidan“ ist eine der politischen Dokus der Viennale, die auch ohne drastische Bilder von aktuellen Krisenherden erzählt.

Mit dem zivilen Aufstand, einem friedlichen Zeltlager Hunderter Ukrainer im November 2013 hat alles angefangen. Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa dokumentiert im Direct Cinema-Stil die ersten Monate der Revolution, die zur Absetzung des Präsidenten führten und den blutigen Konflikt im Osten des Landes nach sich zogen, (mit Ausnahme von einzelnen Texttafeln) ohne Kommentar, Interviews oder Hervorhebung von Protagonisten. Seine mitten auf dem Platz positionierte Kamera fängt Menschen ein, die in einem riesigen Kessel Tee kochen; die für die Errichtung einer Absperrung rund um den Platz Reifen zusammentragen und Gitterzäune zusammen schweißen; die später, die Polizei vor den Mauern wissend, den Gehsteig für Wurfsteine mit Eisenstangen aufbrechen. Als die Polizei mit Schusswaffen gegen die Demonstranten vorgeht, zieht sich Loznitsa auf die Dächer über dem Platz zurück - weit entfernt, ist das Grauen doch nahe, und erklingt aus der Ferne der verzweifelte Ruf nach Ärzten aus den Lautsprechern.

In langen Einstellungen und mit der Kamera als stetem Ruhepol inmitten einer eskalierenden Situation vermittelt „Maidan“ ein Gefühl von Gemeinschaft und der kippenden Atmosphäre und schafft in sicherer Distanz und doch beeindruckender Nähe atmosphärische Bilder, die über dramatische Nachrichtenbeiträge hinausgehen. (25.10., 20.30 Uhr Urania, 26.10., 13.00 Uhr, Gartenbaukino)

Gänzlich ohne Narration oder Kommentar kommt auch die Doku „Hams al moduun“ (Whispers of the Cities) aus, die den Schreckensbildern aus den Nachrichten Alltagsszenen gegenüberstellt. Über einen Zeitraum von zehn Jahren hat der im Irak geborene, in London lebende Filmemacher Kasim Abid aus Fenstern und von Balkonen hinab Straßenkreuzungen gefilmt - in Erbil im irakischen Kurdistan, im palästinensischen Ramallah und in Bagdad. „Der Zuseher muss zusehen, sehen und fühlen“ stellt Abid seinem knapp einstündigen Film voran. Was unvermeidlich seine Längen hat, vermittelt dann doch das Gefühl vom Leben in Krisengebieten: Immer wieder sind Schüsse in der Ferne zu hören, steigt Rauch am Horizont auf, fahren Panzer neben Eselskarren und rasen Einsatzwägen unter Sirenengeheul durch die Straßen. Was für uns unvorstellbar wirkt, ist hier Alltag. Und kaum ist es ruhig, kommen die Gemüsehändler um die Ecke, setzen Arbeiter im neu entstehenden Park Palmen ein und feiert eine Hochzeitsgesellschaft den Tag. (24.10., 16.00 Uhr, Metro Großer Saal, 6.11., 14.00 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus)

Wem dagegen die persönlichen Schicksale fehlen, dem sei „Baladna Alraheeb“ (Our terrible country) ans Herz gelegt. Schauplatz des bewegenden Roadmovies ist die syrische Hauptstadt Damaskus, Geburtsort der beiden verantwortlichen Regisseure Mohammad Ali Atassi und Ziad Homsi sowie Noch-Wohnort des Intellektuellen Yassin al-Haj Saleh (53). 16 Jahre lang war der Dissident unter dem Regime Assads in Gefangenschaft, verweilte danach trotzdem in der im Bürgerkrieg zerbombten Stadt. Nun will er sich, seine Ehefrau zurücklassend, mittels beschwerlicher Reise durch die Wüste in seine Heimatstadt Raqqa aufmachen - und stellt auf der Reise fest, dass mittlerweile auch diese von den Jihadisten der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) eingenommen wurde. Sein Ziel rückt in die Ferne - und der Zwiespalt zwischen der Loyalität zu seinem Land, dem Pflichtgefühl gegenüber verhafteten Verwandten und Freunden auf der einen Seite und dem Überlebenswillen im Exil auf der anderen Seite wird größer. „Wir hatten einen Feind, das Regime. Jetzt haben wir tausende Feinde“, sagt sein Reisebegleiter Ziad - und fällt Yassin weinend in die Arme. (25.10., 15.30 Uhr, Urania, 26.10., 13.30 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus, in Anwesenheit von Mohammad Ali Atassi)

(S E R V I C E - www.viennale.at)