Erotische Verwirrung auf dem Bauernhof
Innsbruck – Die Geschwindigkeit, mit der der kanadische Regisseur Xavier Dolan seine Kinofilme abliefert, hat nur Rainer Werner Fassbinder ü...
Innsbruck –Die Geschwindigkeit, mit der der kanadische Regisseur Xavier Dolan seine Kinofilme abliefert, hat nur Rainer Werner Fassbinder überboten. Als Fassbinder 1982 im Alter von 37 Jahren starb, hinterließ er 41 Filme. Dolan ist 25 Jahre alt und wurde zuletzt in Cannes für seinen fünften Film „Mommy“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Seinen ersten Film „I Killed My Mother“ drehte er mit 20, da hatte Dolan aber schon eine Karriere als Kinderstar hinter sich. Daher spielt er in seinen Filmen auch immer eine der Hauptrollen, nebenbei übernimmt er noch Funktionen wie Drehbuch, Schnitt und Kostümdesign, bisweilen auch die Musik.
„Sag nicht, wer du bist!“ drehte Dolan vor „Mommy“ nach einem Theaterstück von Michel Marc Bouchard. Auf einer Serviette entwirft der Werbetexter Tom (Dolan) eine Trauerrede für seinen Geliebten, bevor er von Montreal auf das Land fährt. Tom wird diese Trauerrede aber nie halten, da sie von seiner Liebe zu Guillaume erzählt. Für Agathe (Lise Roy), die Mutter des Verstorbenen, war Guillaume ein von Frauen umschwärmter heterosexueller Mann, der als Jugendlicher vom elterlichen Bauernhof in die Großstadt geflüchtet ist. Francis (Pierre-Yves Cardinal), Guillaumes brutaler Bruder, zeigt dem schmächtigen Werbemann, was sich im Oktober mit scharfen Maisblättern anstellen lässt. Die zerschnittenen Hände sind nur eine erste und ernst genommene Warnung, die Tom mit Sara (Évelyne Brochu) eine tief getroffene Geliebte erfinden lässt, die allerdings nicht zur Beerdigung kommen kann.
Die Trauerfeier erlebt Tom als verstörende und von Gewalt geprägte Veranstaltung. Als es an der Zeit ist, sich zu verabschieden, sind die Räder des Autos verschwunden. Für einen Hilferuf mit dem Handy fehlt die Netzverbindung. Überraschend schnell – und auch nicht ganz glaubwürdig – gibt sich Tom geschlagen und schlüpft, angezogen von der männlichen Dominanz des jungen Bauern, in die Rolle des Knechts, der die Säuberung des Kuhstalls und das Melken übernimmt.
Die Wirkung des Films hängt von der Bereitschaft ab, sich auf diese kleine Gruppe von Hinterbliebenen einzulassen. Tom, Agathe und Francis trauern auf unterschiedliche Weise um ein Phantom, denn Guillaume war für jeden ein anderer. Später wird noch Sara auftauchen, die in der Werbeagentur für die Kopien zuständig ist und tatsächlich Guillaumes Geliebte war. Wie in allen Filmen Dolans über die Probleme von Schwulen in der Großstadt geht es auch auf dem Bauernhof um Leben und Tod. Dolan zitiert dazu Alfred Hitchcocks „Psycho“. Das Multitalent dreht bereits mit „The Death and Life of John F. Donovan“ seinen sechsten Film. Anschließend plant er, weil es schnell gehen muss, ein Remake von Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“. (p. a.)
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