Gesellschaft

Aktive Sterbehilfe – letzter Ausweg oder nur ein Irrweg?

In Vils wurde kürzlich zur Diskussion über das sensible Thema Sterbehilfe geladen. Gegner und Befürworter trafen dabei aufeinander.

Von Ulrike Müller

Vils –„Gehen Sie nicht aus dem Stadion Ihres Lebens, bevor das Spiel zu Ende ist“, war wohl der eindringlichste Satz von Gerda Riedl, Theologin an der Uni Augsburg, bei einer Diskussion über aktive Sterbehilfe im Stadtsaal Vils. Am hochkarätig besetzten Podium zeichneten sich schon bei den ersten Statements die kontroversen Meinungen zum Thema ab. Bundesrätin Sonja Ledl-Rossmann, Primar Eugen Ladner, ärztlicher Leiter im BKH Reutte, und Theologin Gerda Riedl standen dem Befürworter der aktiven Sterbehilfe, Wolfgang Obermüller, Mitglied im Verein Dignitas, gegenüber.

In Österreich ist die aktive Sterbehilfe und auch die Beihilfe zur Selbsttötung (assistierter Suizid) verboten. In der Schweiz hingegen ist dies legal – wenn keine selbstsüchtigen Gründe vorliegen. Obermüller versuchte mit Zahlen und Fakten das Pu­blikum zu überzeugen, dass es auch das Recht des Menschen wäre, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen. Die Freitodbegleitung sollte auch in Österreich erlaubt werden. Immerhin hätten „Hunderte Österreicher in den letzten Jahren den Weg in die Schweiz gesucht, um dort den Freitod zu sterben“.

Die österreichische Bundesregierung will noch heuer ein Verbot der aktiven Sterbehilfe in der Verfassung prüfen. BR Ledl-Rossmann, Mitglied der Enquete-Kommission, erklärte, wie schwierig es sei, das neue Gesetz zu formulieren. Natürlich müsse man den Wunsch eines Menschen respektieren, nicht mehr leben zu wollen. Eine Gesetzesöffnung würde jedoch unkontrollierte Kreise ziehen.

Theologin Gerda Riedl hingegen sieht die Verantwortung in der Familie, der Kirche in pastoraler Arbeit und der Gemeinde, etwas gegen die Einsamkeit im Alter und in Zeiten der Krankheit zu tun. Die Menschen hätten nicht das Recht, ihr Leben selbst zu beenden: „Gott schenkt Leben und nimmt es wieder, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.“

Primar Ladner erzählte aus der Praxis: „Im fortgeschrittenen Stadium einer Krankheit, ohne Hoffnung auf Genesung, verabreichen wir zumal hohe Dosen Morphium, bis die Patienten schlafen, mit der Absicht, sie vom Leiden zu befreien, ohne die Absicht, sie zu töten.“

Als Ladner über die Unverhältnismäßigkeit zwischen der assistierten Sterbehilfe und den durchgeführten Abtreibungen in Österreich informierte, war die Empörung im Publikum groß: „Jährlich sterben in Österreich ca. 30.000 Kinder, 4000 davon in Tirol, durch Abtreibung, ungefragt und ungeboren. Dagegen ist die Rate der Toten durch assistierte Sterbehilfe mit 180 bis 200 gering.“

Zahlreich waren auch Meldungen aus dem Publikum. Paul Vogler etwa forderte nachdrücklich: „Das Gesetz ja nicht lockern, Sterbehilfe ist Mord!“

„Ihre Überredungskünste können Sie sich sparen, bei uns bringt sich keiner um“, sagte der Vilser Pfarrer Rupert Bader in Richtung Befürworter Obermüller und meinte zum Abschied: „Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und ein langes Leben.“