Bühne

Letzte Worte am langen Seil

Ein fatalistisches Panoptikum des politischen Scheiterns: Jan Bosse inszenierte Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ mit Starbesetzung am Burgtheater.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Dieser seit Freitag im Burgtheater zu bewundernde „Danton“, dem der Dramatiker Büchner seinen Vornamen Georg und nicht etwa das französische „Georges“ überlässt, verfügt nicht so sehr über Steher- denn über Läuferqualitäten. Getrieben von Schuld, Angst und dem Versuch, dem Dämon der eigenen Verzweiflung zu entfliehen, rennt Joachim Meyerhoffs Danton gegen die sich unbeirrbar ächzend drehende Welt- und Revolutionsmaschine an. Das siebenseitige Gerüst, das Bühnenbildner Stéphane Laimé auf die sich nahezu ständig in Bewegung befindliche Drehbühne des Burgtheaters gesetzt hat, erinnert nicht zufällig an die Ideen eines Jeremy Bentham, der in der Zeit der französischen Revolution mit seinen panoptischen Baukonzepten die planvolle Überwachung, von Delinquenten bis hin zu Schülern, denkmöglich machte.

Im Burgtheater findet sich in der Mitte des zweistöckigen Gestells die Stätte des Todes, der Richtplatz, von dem aus Blicke auf ein verglastes Privatgemach, eine Studierstube oder ein Badezimmer möglich sind. Es ist das Tollhaus des großen Schreckens, der „Grande Terreur“, die Zeit der von Danton verantworteten „Septembermorde“ und jene von Robespierres diktatorisch regierendem „Wohlfahrtsausschuss”, die sich in dem wüsten, mit abgelegten Kleidern, Rokokomöbeln und Unrat versehenen Bühnenbild widerspiegeln.

Beklemmung erfasst den Zuschauer gleich zu Beginn, wenn sich der aus Hamburg ans Burgtheater zurückgekehrte Meyerhoff seinen Danton auf Gesicht und Körper schmiert: Ist es das Puderweiß des in der Revolution untergegangenen galanten Zeitalters, das sich der Parvenü Danton aneignet, wie er sich das lasterhafte Leben der höchsten Stände zu eigen machte, oder ist die weiße Paste doch eher der Stoff, aus dem die Totenmasken gemacht sind? Meyerhoff stattet seine Rolle äußerst überzeugend mit dem irrwitzigen Fatalismus eines seiner politischen Ideale verlustig gegangenen Revolutionärs aus, dessen Ausweichen in Lust und Laster nur ein kurzes Innehalten auf dem Weg in den Tod bedeutet. Wie er im frivolen Hausmantel (Kostüme: Kathrin Plath) über den Schutthaufen eigener Vorstellungen und politischer Wirklichkeiten räsoniert, dabei in seinem „Ich will nicht weiter“ die Sinnlichkeit eines doch am Leben Hängenden vermittelt, gehört zu den dichten Momenten dieses Büchner-Abends.

Während Dantons letzten Worten, mit seinen Mitstreitern Desmoulins (Peter Knaack) und Lacroix (Daniel Jesch) wie Marionetten in Büßerhemden an langen Seilen auf- und niedergezerrt, verweigern Meyerhoff und Regisseur Bosse das Pathos zugunsten einer kargen Klarheit. Beeindruckend auch Michael Maertens’ Robes­pierre: Wenn er, angetan mit dem schwarzen Rock der bescheidenen Tugendhaftigkeit, beiläufig an einem Glas Milch nippt, jenem Getränk der frommen Denkungsart, meint man die bis zur Grausamkeit gesteigerte Konsequenz dieses Charakters fast körperlich zu fühlen.

Schade nur, dass dem Fokus auf die zwei Zentralgestalten die Würdigung der Nebenfiguren und deren hochkarätiger Darsteller wie Ignaz Kirchner (als britischer Freiheits-Denker Thomas Payne), Peter Knaack oder Daniel Jesch zum Opfer fällt. Auch Adina Vetter als Dantons Gattin Julie oder Aenne Schwarz als Desmoulins’ Lucile müssen blass bleiben. Einzig Fabian Krüger kann als alert-grausamer St. Just beeindruckende Konturen entwickeln und Jasna Fritzi Bauer hat als Marion eine berührende Szene. Dem durchaus beachtenswerten, intelligenten Revolutions-Bilderbogen hätte eine schärfere Konturierung im Sinne eines großen Ganzen gutgetan.