Spiegelungen in den Erinnerungen
Am ersten Wochenende der Viennale überwältigten der bittere Politthriller „Leviathan“ über die russische Realität und die erschütternde Aufarbeitung der Machtübernahme durch Jihadisten in „Timbuktu“.
Von Peter Angerer
Wien –Seitdem die Vorführkabinen der Kinos mit digitalen Projektionsanlagen ausgerüstet wurden, wird kaum noch über die Zukunft des Kinos geredet, als wären alle Fantasien ausgeschöpft. Von den 300 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen, die bei der diesjährigen Viennale bis zum 6. November gezeigt werden, sind es vier Filme, die aus Kostengründen noch keine digitale Umwandlung erfahren haben. Dabei widmet sich das Wiener Filmfest – auch aus traurigem Anlass – mehr als in den Jahren zuvor der Erinnerungsarbeit. An Harun Farocki, der Ende Juli im Alter von 70 Jahren starb und der mit seinen radikalen Filmen das traditionelle Erzählkino unterwanderte, erinnert die Viennale mit neun Arbeiten, die der Filmemacher jeweils in Wien als Stammgast der Viennale präsentiert hatte. Andere Spezialprogramme sind den großen Erfindern des Kinos, wie John Ford und Jean-Luc Godard, gewidmet. In der Reihe „Cinq Fois Godard“ zeigen fünf Regisseure ihren Godard-Lieblingsfilm. Für Olivier Assayas ist das „Nouvelle Vague“ (1990), der auch als Interpretationsangebot für Assayas’ neuesten Film „Die Wolken von Sils Maria“ mit seinen Spiegelungen und Anspielungen hilfreich ist.
Juliette Binoche spielt mit glimmender Sinnlichkeit die Diva Maria Enders, die sich im schweizerischen Sils Maria mit ihrer Assistentin Valentine (Kristen Stewart) auf ein Theaterstück vorbereitet, mit dem sie vor 20 Jahren zum Star wurde. Damals war sie Sigrid, die eine ältere Frau in den Selbstmord treibt. In der Neuinszenierung soll sie nun diese Frau spielen und so wie es aussieht, wird ihr der amerikanische Blockbusterstar Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) die Show stehlen. Es ist angenehm, Juliette Binoche dabei zu beobachten, wie sie mutig und mit herzlicher Selbstironie im Spiegel ihrer Karriere kramt. Es sind Luxusprobleme, die in der Alpenwelt mondäner Vergänglichkeit abgehandelt werden. „Die Wolken von Sils Maria“ ist der ideale, aus europäischen Fördertöpfen geschöpfte Film. Amerikanische, deutsche und französische Stars treffen sich auf einem Filmset und reden in der Verkehrssprache des Eurokinos – englisch.
Wenn es im Erzählstrom der programmierten Filme so etwas wie einen dramaturgischen Faden gibt, dann ist es die Parteinahme für die Außenseiter der Gesellschaft. In Jessica Hausners Eröffnungsfilm „Amour fou“ entscheiden sich zwei Menschen für den Tod, weil sie sich nur als „Zaungäste des Lebens“ empfinden. In „Zwei Tage, eine Nacht“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne sagt eine Arbeiterin, bevor sie zu den Schlaftabletten greift, „ich bin eine Null“.
In „Leviathan“ von Andrey Zvyagintsev lebt der Automechaniker Kolia mit Lilya in einem bescheidenen Holzhaus an einem Ausläufer der Barentssee. Lilya muss mit ihrer Arbeit in der Fischfabrik die Familie ernähren, da die Polizisten, die ihre Autos in Kolias Werkstatt bringen, nicht bezahlen. Ein noch größeres Problem kommt auf ihn zu, als der lokale Oligarch und Bürgermeister ein Auge auf Kolias Seegrundstück wirft. Glücklicherweise gibt es Dimitri, der als Anwalt in Moskau mit solchen Vorgängen vertraut ist. Tatsächlich reist Dimitri mit einem dicken Akt über das kriminelle Vorleben des Politikers in die Provinz, um auf die Enteignung mit einer Erpressung zu antworten. Doch dem Oligarchen gehören längst Justiz und Polizei. In diesem System aus Gewalt und Korruption, in dem die orthodoxe Kirche keine unwesentliche Rolle spielt, bleibt für den Einzelnen nur der Trost aus der Bibel, beispielsweise die Geschichte Hiobs, der in seinem Elend 140 Jahre alt wurde, ohne über das Unglück zu klagen. Andrey Zvyagintsev zeichnet in „Leviathan“ die russische Föderation als Vorhof zur Hölle, dennoch wurde der Film mit staatlichen Mitteln finanziert. Immerhin hängt im Büro des Oligarchen das offizielle Porträt Putins neben kostbaren Ikonen. Die Bilder der großen Partei- und Staatslenker von Lenin bis Jelzin werden bei einem Besäufnis der Polizisten für Schießübungen geholt. „Für aktuelle Politiker fehlt uns noch die Distanz“, sagt einer der Schützen.
Kein Platz für Humor ist in Abderrahmane Sissakos „Timbuktu“. Der Film erzählt von der Machtübernahme religiöser Fundamentalisten, die in der malischen Stadt 2012 ein Terrorregime errichten. Nicht verheiratete Paare werden gesteinigt. Lachen, Herumlungern und Fußball sind verboten. Dagegen wehren sich die Jugendlichen mit einem imaginären Spiel. Es ist das berührende Symbol des Widerstandes. Dagegen sind auch die Jihadisten machtlos, doch die Freude ist nur von kurzer Dauer.
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