Ex-Außenminister über das Ende der DDR: „Gab so manche Blütenträume“

Wien (APA) - Markus Meckel hat mit 62 Jahren schon drei Leben hinter sich: Eines als ostdeutscher Landpastor, ein weiteres als DDR-Oppositio...

Wien (APA) - Markus Meckel hat mit 62 Jahren schon drei Leben hinter sich: Eines als ostdeutscher Landpastor, ein weiteres als DDR-Oppositioneller und kurzzeitiger Außenminister nach den ersten freien Wahlen, und ein drittes als sozialdemokratischer Politiker in einem geeinten Deutschland. Gegenüber der APA sprach er bei einem Wien-Besuch über die Zeitenwende, die der Mauerfall vor 25 Jahren einläutete:

APA: Die Wende ist nun ein Vierteljahrhundert her und gilt heute wie die deutsche Einheit, die ihr folgte, als unabwendbar. Damals wollten einige Oppositionelle in der DDR eine Einigung nur unter bestimmten Bedingungen und forderten die Abrüstung beider Staaten sowie eine neue, westdeutsche Verfassung. Was ist aus diesen Wünschen geworden?

Meckel: Also zum einen muss man sagen, ich habe den größten Teil meines Lebens in einer Diktatur gelebt. Ich habe es mir überhaupt nicht vorstellen können, dass es gelingt, in Freiheit zu leben und dass es dann noch gelingt, die deutsche Einheit zu erreichen. Das hätte ich mir nicht zu träumen gewagt als junger Mann und ich hätte es mir Mitte der 1980er nicht zu träumen gewagt. Insofern kann ich nur sagen, dass dieser gesamte Prozess und was erreicht worden ist der große Glücksfall der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist.

Die DDR-Oppositionellen waren sehr unterschiedlich von Anfang an. Ich habe gemeinsam mit einem Freund Anfang ‚89 entschieden, dass wir die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) gründen. Wir haben dann einen Aufruf zur Gründung der Partei geschrieben, in dem es hieß, dass wir mit dieser Gründung eine parlamentarische Demokratie westlichen Musters wollen. Damit standen wir auch in der Opposition allein.

APA: Weil viele den Sozialismus beibehalten wollten?

Meckel: Was heißt denn hier Sozialismus? Die hatten so basisdemokratische Modelle, jedenfalls keine parlamentarische Demokratie westlichen Musters im Sinn. Es gab da so manche Blütenträume.

APA: Für wie aussichtsreich hielten Sie zu Beginn ihren Kampf?

Meckel: Ab 1987 hatten wir so langsam die Hoffnung, dass sich etwas ändern lässt. Bis dahin war die gesamte Opposition eher so eine moralische Dimension. Da sagte man, wir wollen jetzt etwas dagegen tun, weil es zur Ehre der Deutschen gehört, nicht zu allem Ja und Amen zu sagen, genauso wie der Widerstand im Nationalsozialismus. Aber ab 1987 gab es die Hoffnung, jetzt lässt sich etwas tun. Deshalb suchten wir auch nach anderen Strukturen außerhalb der Kirchen, während vieles ja vorher in diesem Freiraum der Kirchen stattgefunden hat.

APA: Wie empfanden sie das Jahr der Wende selbst?

Meckel: Das kam erst später. Noch im ersten Halbjahr ‚89 war für uns klar, die Demokratisierung der DDR ist das Ziel. Zwei deutsche Staaten mit der Mauer dazwischen, das war absurd. Aber da dachten wir: Darum kümmern wir uns danach. Mit dem 9. November war klar, jetzt sind der Prozess der Demokratisierung und die deutsche Einheit eng miteinander verbunden. Wenn man das heute rückblickend betrachtet, dann ist das recht ideal gelaufen, weil in einer friedlichen Revolution die kommunistische Herrschaft beendet und am runden Tisch der Übergang zu Demokratie organisiert wurde.

APA: Aber wurden dabei nicht auch viele Fehler gemacht?

Meckel: Im Bezug auf manche Inhalte ja. Um ein Beispiel zu nennen: Das Prinzip bei Vermögensfragen, Rückgabe vor Entschädigungen, habe ich damals für einen Fehler gehalten und halte ich auch heute noch für einen Fehler. Das führte dazu, dass es einen ungeheuren Vermögenstransfer von Ost nach West gab, und damit über Generationen Ungleichheiten zwischen Ost und West. Auch hat es in den 90er-Jahren die Wirtschaftsentwicklung eminent behindert. Ich habe gedacht, das ist ein Förderprogramm für Juristen. Manche Kommunen waren total blockiert, hatten keine Grundstücke und nicht, um investieren zu können. Das hätte man sagen können, investiert, über die Entschädigungsfrage reden wir später.

APA: Verstehen Sie - nicht zuletzt wegen der bleibenden Ungleichgewichte zwischen Ost und West - die Nostalgie mancher für die Zeit der Diktatur?

Meckel: Es gibt schon in der Bibel im Buch Exodus, dem zweiten Buch Mose die Erzählung, dass die Israeliten, die Mose aus Ägypten ins gelobte Land geführt hat, zu ihm sagten: Führe uns zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens - da haben wir sicher zu essen bekommen, auch wenn es die Sklaverei war. Solch eine Grundhaltung gab es damals und die gibt es noch heute.

APA: Die Wiedervereinigung hat die Rolle Deutschlands in der Welt deutlich gestärkt. Behagt es Ihnen, wenn manche von einer Vormachtstellung Deutschlands in Europa sprechen?

Meckel: Ich glaube nicht, dass Deutschland eine Vormachtstellung hat. Schon gar nicht in sicherheitspolitischen Fragen. Ich würde eher behaupten, dass Deutschland viel zu zurückhaltend ist, außenpolitische Verantwortung wahrzunehmen. Ich war damals skeptisch im Bezug auf die NATO, weil sie damals noch ein Instrument des Kalten Krieges war. Das hat sich später natürlich völlig verändert. Ich bin selber schon vor 15 Jahren dafür eingetreten, dass die NATO sich erweitert, weil damit Sicherheit nicht mehr nach nationalen Kategorien sondern integriert gestaltet wird. Auch die EU sollte sich in diese Richtung entwickeln. Weshalb ich glaube, dass es für Österreich gut wäre, Teil der NATO zu sein. Faktisch profitiert ja auch Österreich schon von dem sicherheitspolitischen Umfeld, das die NATO geschaffen hat.

APA: Glauben Sie, dass sie ihren eigenen Ansprüchen von vor einem Vierteljahrhundert gerecht geworden sind?

Meckel: Ich glaube, dass von meiner Grund-Orientierung und von den Werten her die Welt sich verändert hat, und von daher sage ich - wenn die Welt sich verändert, muss man sich selbst auch verändern, sonst wird man den gegenwärtigen Herausforderungen nicht gerecht. Aber für mich selber sehe ich schon eine sehr klare Kontinuität.

(Das Gespräch führte Alexander Fanta/APA)

(Zum Mauerfall in Berlin vor 25 Jahren)